Baden-Württemberg — der Südwesten, der mehr kann als Autos bauen
Ein Land, das sich selbst unterschätzen lässt
Baden-Württemberg hat ein Imageproblem — aber kein echtes. Von außen betrachtet ist es das Bundesland der Tüftler, der Schwaben, der Sparsamkeit und der Automobilindustrie. Mercedes, Porsche, Bosch, SAP — alles hier, alles bekannt, alles irgendwie langweilig klingend. Wer aber einmal durch den Schwarzwald gefahren ist, am Bodensee gesessen hat, durch die Altstadt von Heidelberg geschlendert oder in Freiburg im Biergarten vor dem Münster etwas getrunken hat, versteht, dass Baden-Württemberg weit mehr ist als sein Ruf.
Mit rund 11,1 Millionen Einwohnern ist Baden-Württemberg das drittbevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands. Die Fläche von 35.750 Quadratkilometern macht es zum drittgrößten. Es grenzt im Westen an Frankreich, im Süden an die Schweiz — und diese Nachbarschaft hat das Land kulturell, kulinarisch und wirtschaftlich geprägt, stärker als die meisten Deutschen wahrnehmen.
Wie Baden-Württemberg entstand
Baden-Württemberg ist ein junges Bundesland — und das im doppelten Sinne. Historisch existierten auf dem heutigen Gebiet jahrhundertelang verschiedene Herrschaftsgebiete nebeneinander: das Großherzogtum Baden im Westen, das Königreich Württemberg im Osten, dazu Hohenzollern und verschiedene kleinere Territorien. Diese Zersplitterung war typisch für den deutschen Südwesten — und hinterlässt bis heute Spuren in der regionalen Identität. Ein Badener und ein Württemberger sind nicht dasselbe, auch wenn sie seit 1952 im selben Bundesland leben.
Die Fusion war politisch umstritten. 1952 wurde per Volksabstimmung entschieden, die drei südwestdeutschen Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zusammenzulegen. Das Ergebnis war Baden-Württemberg — der einzige Neuzusammenschluss von Bundesländern in der Geschichte der Bundesrepublik. Stuttgart wurde Landeshauptstadt, was die Badener bis heute nicht vollständig verwunden haben.
Stuttgart — Autostadt mit mehr Substanz
Stuttgart ist nicht die glamouröseste Landeshauptstadt Deutschlands. Es hat keine Wasserlage wie Hamburg, keine Geschichte wie München, keine Energie wie Berlin. Was es hat, ist Substanz. Stuttgart liegt in einem Talkessel — eine geografische Besonderheit, die das Stadtklima, den Weinbau an den Hängen und die dichte Bebauung erklärt. Die Stadt hat mehr Weinberge innerhalb der Stadtgrenzen als jede andere deutsche Großstadt.
Das Mercedes-Benz Museum und das Porsche Museum sind Pflichtbesuche — nicht nur für Autoliebhaber, sondern für jeden, der verstehen will, wie Industriegeschichte und Designgeschichte zusammenhängen. Das Kunstmuseum Stuttgart am Schlossplatz zeigt eine der besten Sammlungen moderner Kunst in Süddeutschland. Die Staatsgalerie gehört zu den bedeutendsten Kunstmuseen Deutschlands überhaupt, mit Werken von Cranach über Rembrandt bis Beuys.
Stuttgart hat außerdem eines der besten Ballett-Ensembles der Welt — das Stuttgarter Ballett, gegründet von John Cranko in den 1960ern, gilt bis heute als Weltklasse. Und dann ist da noch der VfB Stuttgart, Fußballclub einer Stadt, die eigentlich zu beschäftigt ist für Fußball — und ihn trotzdem liebt.
Heidelberg — die Stadt, die zu schön ist, um wahr zu sein
Heidelberg ist das bekannteste Stadtbild Deutschlands, das kein Krieg zerstört hat. Das Schloss auf dem Hang über der Altstadt, die Karl-Theodor-Brücke über den Neckar, die Hauptstraße mit ihrer barocken Bebauung — das alles ist real, nicht rekonstruiert. Heidelberg wurde im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1693 fast vollständig zerstört und danach neu aufgebaut. Was entstand, war ein stadtplanerisches Gesamtkunstwerk des Barocks, das bis heute nahezu unverändert erhalten ist.
Die Universität Heidelberg, gegründet 1386, ist die älteste Deutschlands und prägt die Stadt bis heute. Rund 30.000 Studierende in einer Stadt mit 160.000 Einwohnern — das Verhältnis merkt man. Heidelberg ist jung, lebendig und trotzdem historisch gesättigt. Kein Widerspruch.
Das Heidelberger Schloss ist eine Ruine — und das ist sein Charme. Teilweise gesprengt von den Franzosen 1693, teilweise durch Blitzschlag zerstört, nie vollständig wiederaufgebaut. Was geblieben ist, wirkt malerischer als jedes vollständig erhaltene Schloss. Mark Twain schrieb, Heidelberg sei zu schön für diese Welt. Das war übertrieben — aber nicht sehr.
Freiburg im Breisgau — die sonnigste Stadt Deutschlands
Freiburg liegt am westlichen Rand des Schwarzwaldes, direkt an der Grenze zu Frankreich und der Schweiz, im sogenannten Dreiländereck. Das Klima ist das mildeste und sonnigste in Deutschland — mehr Sonnenstunden als fast überall sonst, milde Winter, warme Sommer. Das prägt die Stadt: Freiburg ist fahrradfreundlich, grün, politisch links und von einer Lebensqualität, die Menschen aus ganz Deutschland anzieht.
Das Freiburger Münster Unserer Lieben Frau ist eines der schönsten gotischen Kirchengebäude Deutschlands — und eines der wenigen, das während des Zweiten Weltkriegs praktisch unversehrt blieb, obwohl die Innenstadt drum herum fast vollständig zerstört wurde. Der Turm mit seinem durchbrochenen Steinhelm gilt als das vollkommenste Turmbauwerk der Gotik. Jeden Samstag findet vor dem Münster ein Wochenmarkt statt, der zu den schönsten in Deutschland zählt.
Die Universität Freiburg, gegründet 1457, ist eine der ältesten Deutschlands und gibt der Stadt ihren intellektuellen Charakter. Martin Heidegger lehrte hier, Hannah Arendt studierte hier. Heute zieht die Universität Studierende aus aller Welt an.
Der Schwarzwald — kein Klischee, sondern Realität
Der Schwarzwald ist tatsächlich so, wie man ihn sich vorstellt. Dunkle Tannenwälder, tiefe Täler, Bauernhöfe mit ausladenden Dächern, Kuckucksuhren, Kirschtorte und eine Stille, die man in Städten vergessen hat. Das klingt kitschig und ist es manchmal auch — aber der Schwarzwald ist auch echte Natur, mit dem Feldberg als höchstem Punkt Baden-Württembergs auf 1.493 Metern, mit dem Titisee und dem Schluchsee als Badeseen, mit Wanderwegen, die zu den schönsten in Deutschland gehören.
Baden-Baden am nördlichen Rand des Schwarzwaldes ist ein eigenes Kapitel. Die Stadt war im 19. Jahrhundert der Treffpunkt Europas — russische Zaren, englische Lords, französische Aristokraten kamen hierher zum Kurieren und Spielen. Das Kasino Baden-Baden, 1824 eröffnet, gilt als das schönste der Welt. Dostojewski verspielte hier sein Geld und schrieb danach den Roman Der Spieler. Die Trinkhalle, die Lichtentaler Allee und die Caracalla Therme — Baden-Baden hat seine Belle-Époque-Eleganz nie ganz abgelegt.
Der Bodensee — Süddeutschlands Meer
Der Bodensee liegt an der Grenze zu Österreich und der Schweiz und ist das drittgrößte Süßwassersee Mitteleuropas. Die deutschen Bodenseestädte — Konstanz, Überlingen, Lindau, Friedrichshafen — sind Sommerreiseziele von europäischem Rang. Das Klima ist mild, die Landschaft ist sanft, die mittelalterlichen Stadtkerne gut erhalten.
Konstanz ist die größte Bodenseestadt auf deutscher Seite. Im Konzil von Konstanz 1414 bis 1418 wurde hier das Große Abendländische Schisma beendet und der böhmische Reformator Jan Hus verbrannt — Geschichte, die in der Stadt bis heute präsent ist. Konstanz überstand den Zweiten Weltkrieg unbeschadet, weil es die Lichter brennen ließ und sich dadurch von der Schweiz auf der anderen Seeseite nicht unterschied. Heute ist es eine Universitätsstadt mit einer der lebendigsten Altstädte am See.
Meersburg, Überlingen, Radolfzell — kleinere Städte am Seeufer, jede mit eigenem Charakter, jede in der Sommersaison voll. Der Bodensee ist keine Geheimempfehlung mehr — aber er ist auch mit Besuchern schön.
Die Wirtschaft — Weltklasse im Verborgenen
Baden-Württemberg ist nach Bayern das wirtschaftsstärkste Flächenland Deutschlands. Die Automobilindustrie — Mercedes-Benz in Stuttgart und Sindelfingen, Porsche in Zuffenhausen, Audi in Neckarsulm, ZF in Friedrichshafen — ist das bekannteste Aushängeschild. Aber darunter liegt ein dichtes Netz von mittelständischen Unternehmen, die in ihren Weltmarktnischen führend sind.
Bosch, Trumpf, Heidelberger Druckmaschinen, Kärcher, Ritter Sport — Unternehmen, die global operieren und trotzdem in kleinen und mittleren Städten Baden-Württembergs verwurzelt sind. SAP, gegründet 1972 in Weinheim, ist Europas größtes Softwareunternehmen und hat seinen Hauptsitz in Walldorf — einer Stadt mit 15.000 Einwohnern. Das ist Baden-Württemberg.
Weitere Städte, die Aufmerksamkeit verdienen
Ulm hat den höchsten Kirchturm der Welt — das Münster mit 161,5 Metern übertrifft den Kölner Dom. Die Altstadt liegt zur Hälfte in Bayern, was historische Gründe hat. Albert Einstein wurde in Ulm geboren, auch wenn er die Stadt früh verließ. Mannheim ist eine Planstadt aus dem 17. Jahrhundert, ein Schachbrettmuster aus Quadraten statt Straßen, mit einer der stärksten Musikszenen Südwestdeutschlands. Karlsruhe ist Sitz des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofs — mehr Rechtsstaat pro Quadratmeter als irgendwo sonst in Deutschland. Tübingen ist Universitätsstadt am Neckar, mit einer Altstadt auf Hügeln und einem intellektuellen Erbe, das von Hegel über Hölderlin bis Kepler reicht.
Häufige Fragen über Baden-Württemberg
Wie viele Einwohner hat Baden-Württemberg?
Rund 11,1 Millionen — damit ist Baden-Württemberg nach Nordrhein-Westfalen und Bayern das drittbevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands. Die Bevölkerungsdichte ist hoch, besonders im Stuttgarter Raum, im Rhein-Neckar-Gebiet um Mannheim und Heidelberg sowie entlang des Rheintals.
Was ist die Hauptstadt von Baden-Württemberg?
Stuttgart, mit rund 630.000 Einwohnern die größte Stadt des Bundeslandes. Stuttgart wurde 1952 zur Landeshauptstadt bestimmt, als Baden-Württemberg aus drei südwestdeutschen Ländern zusammengeführt wurde — eine Entscheidung, die im ehemals badischen Landesteil bis heute manchmal diskutiert wird.
Warum heißt es Baden-Württemberg?
Weil das Bundesland 1952 aus den drei Ländern Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zusammengeschlossen wurde. Baden war der westliche Teil entlang des Rheins, Württemberg der östliche Teil mit Stuttgart. Der Bindestrich im Namen ist kein Zufall — er steht für eine Fusion, keine organisch gewachsene Einheit.
Was sind die schönsten Städte in Baden-Württemberg?
Heidelberg, Freiburg im Breisgau, Baden-Baden, Tübingen, Konstanz, Ulm, Meersburg und die Altstadt von Stuttgart — je nach Interesse. Wer mittelalterliche Architektur sucht, findet sie in Heidelberg und Tübingen. Wer Natur und Schwarzwald will, ist in Freiburg und Baden-Baden richtig. Wer den Bodensee sucht, fährt nach Konstanz oder Meersburg.
Was ist der Schwarzwald?
Ein Mittelgebirge im Westen Baden-Württembergs, zwischen Pforzheim im Norden und Freiburg im Süden, zwischen dem Rheintal im Westen und dem Schwäbischen Wald im Osten. Der Schwarzwald ist das bekannteste Mittelgebirge Deutschlands, benannt nach den dichten Tannenwäldern, die von außen dunkel wirken. Höchster Punkt ist der Feldberg mit 1.493 Metern.
Wie kommt man nach Baden-Württemberg?
Der größte Flughafen ist Stuttgart Airport. Daneben bedienen Frankfurt und München, beide in Nachbarbundesländern, den Südwesten gut. Das ICE-Netz verbindet Stuttgart mit Berlin, Hamburg, Frankfurt und München. Die Neubaustrecke Stuttgart–Ulm, Teil des Jahrhundertprojekts Stuttgart 21, verkürzt Fahrzeiten erheblich. Für den Schwarzwald und den Bodensee ist das Auto weiterhin praktisch — der öffentliche Nahverkehr in ländlichen Teilen ist ausbaufähig.
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