Saarland

Saarland — das kleinste Flächenland, das am lautesten auf sich besteht

Das Saarland existiert aus Überzeugung

Das Saarland hätte mehrfach aufgehört zu existieren. Nach dem Ersten Weltkrieg vom Deutschen Reich abgetrennt und dem Völkerbund unterstellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg als Protektorat Frankreichs faktisch aus Deutschland herausgelöst. 1955 per Volksabstimmung die Angliederung an die Bundesrepublik — gegen den ausdrücklichen Wunsch Frankreichs, das ein europäisches Saarland bevorzugt hätte. 1956 politisch zurück zu Deutschland. 1957 wirtschaftlich zurück. Das Saarland hat sich jedes Mal selbst entschieden — und das erklärt seinen Charakter besser als jede geografische Beschreibung.

Mit 2.569 Quadratkilometern ist das Saarland das kleinste Flächenland Deutschlands. Mit rund einer Million Einwohnern ist es das zweitkleinste Bundesland nach Bremen. Es grenzt im Westen und Süden an Frankreich, im Nordwesten an Luxemburg und im Norden und Osten an Rheinland-Pfalz. Diese Grenzlage — zwischen drei Ländern, drei Sprachen, drei Kulturen — hat das Saarland geprägt wie nichts sonst. Es ist deutsch und gleichzeitig nicht ganz deutsch. Es ist europäisch avant la lettre — bevor das Wort modisch wurde.

Geschichte — das Land, das niemand behalten wollte und alle haben wollten

Die Geschichte des Saarlandes ist eine Geschichte der Zugehörigkeit — oder genauer: der umstrittenen Zugehörigkeit. Das Gebiet lag im Mittelalter im Einflussbereich verschiedener Herrschaften: der Grafschaft Saarbrücken, des Herzogtums Lothringen, des Kurfürstentums Trier. Keine stabile Einheit, kein klares Zentrum — eine Situation, die sich durch die gesamte saarländische Geschichte zieht.

Der Bergbau veränderte alles. Kohle wurde im Saarland seit dem Mittelalter abgebaut, systematisch seit dem 17. Jahrhundert. Die Steinkohle der Saargrube war von außergewöhnlicher Qualität und Zugänglichkeit — und damit strategisch wertvoll in einem Europa, das gerade die Industrialisierung entdeckte. Wer die Saargruben kontrollierte, kontrollierte Energie. Das wussten die Franzosen, das wussten die Preußen, das wussten später die Nationalsozialisten — und das war der Grund, warum das Saarland nach beiden Weltkriegen zum Zankapfel wurde.

Die Völklinger Hütte, 1873 gegründet und 1986 stillgelegt, ist das sichtbarste Denkmal dieser Industriegeschichte. Das Eisenhüttenwerk mit seinen Hochöfen, Gasometern und Fördertürmen wurde 1994 UNESCO-Welterbe — als einziges vollständig erhaltenes Eisenhüttenwerk der Hochindustrialisierungszeit weltweit. Die Hütte produzierte über 100 Jahre lang Eisen und Stahl, beschäftigte Zehntausende Menschen und formte die saarländische Gesellschaft — eine Arbeitergesellschaft, die bis heute spürbar ist.

Die Volksabstimmung von 1955 ist das prägende politische Ereignis der saarländischen Geschichte. Die Bevölkerung lehnte das Saarstatut — eine Form europäischer Eigenständigkeit — mit 67,7 Prozent ab und entschied sich damit indirekt für die Rückkehr zu Deutschland. Am 1. Januar 1957 wurde das Saarland politisch Teil der Bundesrepublik, am 6. Juli 1959 auch wirtschaftlich — das Datum gilt als der eigentliche Tag der Heimkehr und wird im Saarland bis heute begangen.

Saarbrücken — die Hauptstadt zwischen den Welten

Saarbrücken ist die einzige Großstadt des Saarlandes und seine Hauptstadt — mit rund 180.000 Einwohnern die kleinste Landeshauptstadt eines deutschen Flächenlandes nach Schwerin. Die Stadt liegt direkt an der Saar, dem Fluss, der dem Land den Namen gab, und direkt an der französischen Grenze. Das Stadtzentrum von Saarbrücken ist zehn Kilometer von Frankreich entfernt. Das merkt man.

Die Innenstadt hat eine französische Leichtigkeit, die norddeutschen Städten fehlt. Cafés, die bis abends geöffnet haben. Märkte mit Käse und Wein. Eine Selbstverständlichkeit des Genusses, die aus der jahrzehntelangen Nachbarschaft erwachsen ist. Gleichzeitig ist Saarbrücken erkennbar deutsch — in der Verwaltungsarchitektur, in der Stadtstruktur, in einer gewissen Gründlichkeit, die sich mit der südlichen Leichtigkeit mischt.

Das Saarbrücker Schloss, auf einem Hügel über der Saar gelegen, ist das historische Zentrum der Stadt. Das heutige Gebäude ist ein barocker Neubau des 18. Jahrhunderts, errichtet unter Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken nach Plänen des Architekten Friedrich Joachim Stengel — der auch die Ludwigskirche und den Ludwigsplatz entwarf und Saarbrücken damit ein barockes Stadtbild gab, das in dieser Geschlossenheit selten ist. Die Ludwigskirche, 1775 fertiggestellt, gilt als eine der bedeutendsten protestantischen Barockkirchen Deutschlands — schnörkellos, elegant, mit einer Innenraumqualität, die überrascht.

Die Alte Brücke über die Saar, 1546 gebaut, ist die älteste erhaltene Brücke des Saarlandes — und die Verbindung zwischen Alt-Saarbrücken auf dem rechten Ufer und St. Johann auf dem linken. St. Johann ist das Herz der Innenstadt — Einkaufsstraßen, Restaurants, die Fußgängerzone, der Bahnhof. Drüben, auf der anderen Seite des Flusses, das Schloss, das Museum für Vor- und Frühgeschichte, die ältere Geschichte der Stadt.

Das Historische Museum Saar im Schloss ist das bedeutendste historische Museum des Bundeslandes — mit einer Dauerausstellung, die die saarländische Geschichte von der Römerzeit bis zur Volksabstimmung 1955 erzählt. Die Geschichte der Zugehörigkeit, in einem Gebäude, das selbst mehrfach die Zugehörigkeit gewechselt hat.

Die Völklinger Hütte — Industrie als Weltkulturerbe

Die Völklinger Hütte ist das bedeutendste Denkmal des Saarlandes und eines der eindrucksvollsten Industriedenkmäler Europas. Das Eisenhüttenwerk, 1873 gegründet von Julius Buch und später von der Familie Röchling übernommen, produzierte bis 1986 Roheisen und Stahl — über 110 Jahre lang, in einem Prozess, der die Stadt Völklingen und das gesamte Saarland prägte.

Als die Hütte 1986 stillgelegt wurde, war es eine wirtschaftliche Katastrophe — Tausende Jobs verloren, eine Industrie zu Ende. Acht Jahre später, 1994, wurde die Hütte UNESCO-Welterbe. Der Grund: Sie ist das einzige vollständig erhaltene Hüttenwerk der Hochindustrialisierung weltweit. Alle anderen wurden abgerissen oder teilweise rückgebaut. Völklingen blieb — unverändert, unberührt, mit seinen Hochöfen, Gasometern, Gebläsehallen und Fördertürmen, die über der Stadt aufragen wie eine Kathedrale aus Stahl.

Heute ist die Völklinger Hütte ein Kulturzentrum, das Ausstellungen, Konzerte und Events veranstaltet — in den alten Industriehallen, zwischen den Hochöfen, unter dem Sternenhimmel der Gebläsehalle. Die Verbindung aus Industriegeschichte und Gegenwartskultur funktioniert außergewöhnlich gut. Das Science Center Ferrodrom in der ehemaligen Sinteranlage erklärt die Physik und Chemie der Stahlproduktion — verständlich, interaktiv und ohne Museumsstaub.

Merzig, Neunkirchen, Homburg — die anderen Städte

Das Saarland hat außer Saarbrücken keine Großstadt, aber mehrere Mittelstädte mit eigenem Charakter. Merzig im Nordwesten, an der Saar und direkt an der luxemburgischen Grenze, ist eine ruhige Kreisstadt mit einer Altstadt, die ihre Bescheidenheit als Qualität versteht. Neunkirchen, einst Industriestadt mit Hüttenwerk und Kohlebergbau, hat den Strukturwandel mit gemischtem Erfolg bewältigt — das Hüttengelände wurde zum Stadtpark umgebaut, der Zoo ist der meistbesuchte im Saarland. Homburg im Osten, nahe der rheinland-pfälzischen Grenze, ist Universitätsstadt — die Medizinische Fakultät der Universität des Saarlandes hat ihren Sitz hier, mit einem der bedeutendsten Universitätskliniken Westdeutschlands.

St. Wendel im Norden ist das Wanderziel des Saarlandes — der Wendalinus-Basilika, dem Wendelinus-Wallfahrtsort und dem Saarländischen Freilichtmuseum in Wadgassen, das bäuerliche Architektur aus vier Jahrhunderten bewahrt. Dillingen an der Saar hat das Stahlwerk — die Dillinger Hütte, seit 1685 in Betrieb, ist eines der ältesten noch aktiven Hüttenwerke Europas und spezialisiert auf Grobblech für Brücken, Schiffe und Pipelines weltweit.

Saarländische Küche — mehr als Dibbelabbes

Das Saarland hat eine eigene Küche, die den französischen und luxemburgischen Einfluss genauso trägt wie die deftige Tradition der Bergarbeiterküche. Dibbelabbes ist das bekannteste saarländische Gericht — ein Kartoffelauflauf mit Speck und Lauch, im Topf gebacken, herzhaft und sättigend. Der Name kommt vom Dialektwort für Topf — Dibbe — und für das Aufgebene — abbes. Wer Dibbelabbes isst, versteht die saarländische Mentalität: bodenständig, ohne Aufwand, aber gut.

Lyoner ist die saarländische Wurstvariante — eine milde Fleischwurst, die im restlichen Deutschland als Fleischwurst bekannt ist, im Saarland aber Lyoner heißt, weil sie von der französischen Lyoner Wurst abstammt. Im Saarland isst man Lyoner auf Brot zum Frühstück, als Aufschnitt zum Abendbrot und geschnitten im Kartoffelsalat. Wer das Saarland besucht und keine Lyoner gegessen hat, war nicht wirklich dort.

Zwiebelkuchen und Federweißer im Herbst, Grumbeereknepp — Kartoffelklöße — zur Hausmannskost, Sauerbraten mit saarländischer Note. Die Küche ist deutsch mit französischem Akzent — und das ist ein guter Akzent.

Natur — der Saarländische Wald

Das Saarland ist zu fast 34 Prozent bewaldet — eine der höchsten Waldquoten aller deutschen Bundesländer. Der Saarländische Wald, geprägt von Mischwäldern aus Buche, Eiche und Fichte, ist das Naherholungsgebiet der Bevölkerung und zunehmend auch Touristen aus Frankreich und Luxemburg. Der Naturpark Saar-Hunsrück, das größte Schutzgebiet des Saarlandes, erstreckt sich über die Grenze nach Rheinland-Pfalz — Wanderwege, Radwege und der Saar-Hunsrück-Steig, einer der schönsten deutschen Weitwanderwege.

Die Saar selbst ist ein Fluss, der sich in weiten Schleifen durch das Hügelland windet — das Saarschleifengebiet bei Mettlach, wo der Fluss eine 180-Grad-Schleife um einen Felsvorsprung beschreibt, ist eine der bekanntesten Naturlandschaften des Saarlandes. Die Cloef-Atrium Aussichtsplattform über der Saarschleife ist der meistbesuchte Aussichtspunkt des Bundeslandes — und einer der schönsten in Westdeutschland.

Mettlach ist außerdem Sitz von Villeroy & Boch, dem ältesten deutschen Keramikkonzern, gegründet 1748 im ehemaligen Benediktinerkloster Mettlach. Das Unternehmen produziert Sanitärkeramik und Tischkultur, die in über 125 Länder exportiert wird — und ist damit einer der bekanntesten deutschen Markennamen weltweit, der aus dem kleinsten Flächenland kommt.

Dreisprachigkeit und europäische Identität

Das Saarland ist offiziell einsprachig deutsch — aber die Realität ist dreisprachig. Deutsch, Französisch und Luxemburgisch sind in der Grenzregion alltäglich. Viele Saarländer sprechen Französisch — nicht perfekt, aber ausreichend, und ohne die Scheu, die Norddeutsche gegenüber der Sprache oft haben. Saarbrücker fahren zum Einkaufen nach Metz oder Straßburg. Franzosen kommen zum Tanken nach Saarbrücken — Sprit ist günstiger. Luxemburger kommen zum Arbeiten, zum Einkaufen, zum Leben.

Die Großregion Saar-Lor-Lux — Saarland, Lothringen, Luxemburg, Rheinland-Pfalz und Wallonien — ist eines der ersten grenzüberschreitenden Kooperationsräume Europas, seit den 1970er Jahren formalisiert. Gemeinsame Kulturprojekte, Pendlerstatistiken, Arbeitsmarktkooperation — die Großregion funktioniert im Alltag, auch wenn die politische Öffentlichkeit kaum davon Notiz nimmt. Das Saarland ist hier der kleinste Partner mit der längsten Erfahrung.

Wirtschaft — nach dem Bergbau

Das Saarland hat seinen Strukturwandel nach dem Ende des Kohlebergbaus und dem Rückgang der Stahlindustrie nicht abgeschlossen — aber weit mehr erreicht als viele vergleichbare Regionen. Der letzte saarländische Bergbau endete 2012 mit der Schließung der Grube Ensdorf — nach über 250 Jahren kontinuierlichen Kohleabbaus. Das Ende war lange absehbar und wurde sozialverträglich gestaltet, aber es war trotzdem ein Ende.

Was blieb: die Dillinger Hütte und die Saarstahl AG als bedeutende Stahlproduzenten, ein wachsender Automobilzuliefersektor — Ford produziert in Saarlouis, ZF Friedrichshafen hat Werke im Saarland — und die Universität des Saarlandes als Wissensstandort. Das DFKI, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, hat einen seiner Hauptstandorte in Saarbrücken — und ist damit das bedeutendste KI-Forschungszentrum Deutschlands außerhalb Münchens und Berlins. Das Saarland erforscht die Zukunft, während es seine Industrievergangenheit als Weltkulturerbe bewahrt.

Die Landesschulden sind hoch — das Saarland gehört zu den am stärksten verschuldeten Bundesländern und erhält Sanierungshilfen des Bundes. Die wirtschaftliche Lage ist besser als ihr Ruf, die strukturellen Probleme sind real. Das Saarland weiß das und geht damit pragmatisch um — wie ein Land, das gelernt hat, mit widrigen Bedingungen zu leben.

Häufige Fragen über das Saarland

Wie viele Einwohner hat das Saarland?

Rund eine Million — womit das Saarland nach Bremen das zweitkleinste Bundesland nach Einwohnerzahl ist. Die Bevölkerung ist seit den 1970er Jahren leicht rückläufig, hat sich aber in den letzten Jahren stabilisiert. Die Bevölkerungsdichte von rund 390 Einwohnern pro Quadratkilometer ist eine der höchsten unter den Flächenländern.

Warum ist das Saarland ein eigenes Bundesland?

Wegen seiner einzigartigen politischen Geschichte — der Abtrennung nach beiden Weltkriegen, der Volksabstimmung 1955 und der Rückkehr zur Bundesrepublik 1957. Das Saarland ist das einzige Bundesland, das durch Volksabstimmung der Bundesrepublik beigetreten ist. Diese Eigenständigkeit ist historisch begründet und wird im Saarland bewusst gepflegt.

Was ist die Völklinger Hütte?

Ein 1873 gegründetes und 1986 stillgelegtes Eisenhüttenwerk in Völklingen, 15 Kilometer von Saarbrücken entfernt. Seit 1994 ist die Hütte UNESCO-Welterbe — als einziges vollständig erhaltenes Hüttenwerk der Hochindustrialisierungszeit weltweit. Heute ist sie Kulturzentrum, Ausstellungsort und eines der bedeutendsten Industriedenkmäler Europas.

Was ist die Saarschleife?

Eine markante Flussschleife der Saar bei Mettlach im Landkreis Merzig-Wadern, wo der Fluss um einen Felsvorsprung eine fast vollständige 180-Grad-Kurve beschreibt. Die Saarschleife ist das bekannteste Naturbild des Saarlandes und von der Cloef-Aussichtsplattform aus zugänglich. Sie ist ganzjährig sehenswert — im Herbst, wenn der Wald sich verfärbt, besonders eindrucksvoll.

Wie nah ist das Saarland an Frankreich?

Das Stadtzentrum von Saarbrücken liegt zehn Kilometer von der französischen Grenze entfernt. Metz, die nächste größere französische Stadt, ist rund 60 Kilometer entfernt, Straßburg rund 130 Kilometer. Die Grenze ist seit dem Schengen-Abkommen offen — kein Pass, keine Kontrolle, kein spürbarer Übergang außer dem Straßenschild.

Was bedeutet Saarland für die deutsch-französische Aussöhnung?

Das Saarland war nach dem Zweiten Weltkrieg ein Testgebiet für die europäische Integration — der Versuch, ein gemeinsames europäisches Saarland zu schaffen, scheiterte 1955 an der Volksabstimmung, lehrte aber wichtige Lektionen über Souveränität und Zusammenarbeit. Die Großregion Saar-Lor-Lux ist heute ein funktionierendes Modell grenzüberschreitender Zusammenarbeit — und das Saarland ist ihr ältester und erfahrenster Teilnehmer.


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