Bayern

Bayern — der Freistaat, der Deutschland erklärt und gleichzeitig widerspricht

Bayern ist kein normales Bundesland

Kein anderes Bundesland betont seine Eigenständigkeit so konsequent wie Bayern. Nicht Bundesland — Freistaat. Nicht Landesregierung — Staatsregierung. Nicht Polizei — Landespolizei mit eigenem Grenzschutz. Bayern zahlt in den Länderfinanzausgleich ein, beschwert sich laut darüber und tut es trotzdem, weil das Grundgesetz es so vorsieht. Dieses Selbstbewusstsein hat historische Wurzeln, die tiefer reichen als die Bundesrepublik.

Mit 70.550 Quadratkilometern ist Bayern das größte Flächenland Deutschlands — größer als die Niederlande und Belgien zusammen. Mit 13,4 Millionen Einwohnern ist es das zweitbevölkerungsreichste Bundesland nach Nordrhein-Westfalen. Von der Nordseeküste trennen Bayern fast 800 Kilometer, von Wien nur 300. Das erklärt einiges.

Geschichte eines eigensinnigen Landes

Bayern war lange, bevor es deutsch war. Das Herzogtum Bayern existierte seit dem 6. Jahrhundert, das Kurfürstentum seit 1623, das Königreich seit 1806 — Napoleon war so beeindruckt von der bayerischen Eigenständigkeit, dass er Bayern zur Monarchie erhob, als Gegenleistung für seine Unterstützung. Dieses Königreich Bayern endete erst 1918, als König Ludwig III. abdankte — drei Tage vor Kaiser Wilhelm II. in Berlin. Bayern hat die Monarchie nie offiziell abgeschafft, der König ist einfach gegangen.

Die Wittelsbacher, die Bayern von 1180 bis 1918 regierten — über 700 Jahre — hinterließen ein kulturelles Erbe, das bis heute das Bild des Landes prägt. Schloss Neuschwanstein, die Münchner Residenz, die Theatinerkirche, die Pinakotheken — alles Wittelsbacher. König Ludwig II., der Märchenkönig, baute Neuschwanstein nicht als repräsentativen Herrschaftssitz, sondern als persönlichen Rückzugsort. Er lebte nie darin. Heute ist es das meistfotografierte Gebäude Deutschlands.

München — eine Weltstadt mit Dorfseele

München ist die drittgrößte Stadt Deutschlands und für viele die angenehmste. Die Lebensqualität rangiert in internationalen Vergleichen regelmäßig unter den Top 10 weltweit. Die Mieten ebenfalls — aber in die entgegengesetzte Richtung. München ist teuer, und das weiß München.

Die Innenstadt ist überschaubar und zu Fuß erlebbar. Marienplatz, Frauenkirche, Viktualienmarkt, Hofbräuhaus, Englischer Garten — das touristische München liegt eng beieinander. Der Englische Garten ist mit 3,7 Quadratkilometern größer als der Central Park in New York und hat einen künstlichen Flusskanal, in dem Surfer auf einer stehenden Welle surfen. Im Zentrum einer Millionenstadt.

Die Museen sind weltklasse. Die Alte Pinakothek mit Rubens, Dürer und Raffael. Die Neue Pinakothek mit dem 19. Jahrhundert. Die Pinakothek der Moderne mit dem 20. und 21. Jahrhundert. Das Deutsche Museum auf einer Isarinsel ist das größte naturwissenschaftlich-technische Museum der Welt — 73.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, sechs Millionen Besucher pro Jahr. Das Bayerische Nationalmuseum erzählt bayerische Geschichte von der Römerzeit bis heute.

Das Oktoberfest findet seit 1810 statt — ursprünglich als Hochzeitsfeier für Kronprinz Ludwig, heute als das größte Volksfest der Welt mit sieben Millionen Besuchern jährlich. Der Bierpreis hat 2025 erstmals die 16-Euro-Marke geknackt. Die Stimmung trotzdem ungebrochen.

Die großen Städte Bayerns im Vergleich

StadtEinwohnerBekannt fürBesonderheit
München1,5 Mio.Oktoberfest, Museen, FC BayernTeuerste Stadt Deutschlands
Nürnberg540.000Mittelalter, ChristkindlesmarktGrößte Stadt Frankens
Augsburg300.000Römergeschichte, RenaissanceÄlteste Stadt Bayerns
Regensburg160.000UNESCO-Altstadt, Steinerne BrückeBesterhaltene mittelalterliche Stadt Deutschlands
Würzburg130.000Residenz, WeinstraßeUNESCO-Welterbe Residenz
Ingolstadt140.000Audi, MedizingeschichteProduktionsort des VW-Konzerns in Bayern
Fürth130.000Industriegeschichte, KleeblattDirekter Nachbar Nürnbergs
Erlangen115.000Universität, SiemensHugenotten-Stadtgründung 1686
Bamberg78.000UNESCO-Altstadt, Rauchbier1.000 Jahre Geschichte auf sieben Hügeln
Passau52.000Dreiflüssestadt, DomDrei Flüsse: Donau, Inn, Ilz

Nürnberg — das andere Bayern

Nürnberg ist nicht München. Das betonen Nürnberger gerne und zu Recht. Die Stadt ist fränkisch, nicht bayerisch — ein Unterschied, der in Bayern selbst ernst genommen wird. Franken wurde erst 1806 Teil des Königreichs Bayern und hat seine eigene Identität nie vollständig aufgegeben. Der Nürnberger Dialekt klingt anders, die Küche ist anders, die Mentalität ist anders.

Nürnberg war im Mittelalter eine der mächtigsten Städte des Heiligen Römischen Reiches — inoffiziell die zweite Hauptstadt nach Prag. Kaiser Friedrich III. nannte sie das Auge und Ohr Deutschlands. Die mittelalterliche Burganlage, die Kaiserburg, thront über der Altstadt. Albrecht Dürer, der bedeutendste deutsche Maler der Renaissance, wurde hier geboren und verbrachte sein Leben hier.

Das 20. Jahrhundert hat Nürnberg auf eine andere, düstere Art bekannt gemacht. Die Reichsparteitage der NSDAP fanden hier statt, das Reichsparteitagsgelände existiert noch — heute als Dokumentationszentrum, das die Geschichte offen aufarbeitet. Die Nürnberger Prozesse 1945 und 1946, in denen die Hauptkriegsverbrecher des NS-Regimes verurteilt wurden, fanden hier statt. Saal 600 im Justizpalast ist erhalten und besuchbar.

Der Nürnberger Christkindlesmarkt ist der bekannteste Weihnachtsmarkt der Welt — nicht der schönste nach Meinung aller, aber der mit dem größten globalen Markennamen. Drei Millionen Besucher jährlich, goldene Schätze und Lebkuchen, die Qualitätsstandards haben, die gesetzlich geregelt sind.

Regensburg — das unterschätzte Meisterwerk

Regensburg hat über 1.400 mittelalterliche Bauwerke, die den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden. Das ist kein Zufall — die Stadt wurde nicht bombardiert, weil sie militärisch wenig relevant war. Das Ergebnis ist die besterhaltene mittelalterliche Großstadt Deutschlands, seit 2006 UNESCO-Welterbe.

Die Steinerne Brücke, gebaut zwischen 1135 und 1146, war über 800 Jahre die einzige Brücke über die Donau zwischen Ulm und Wien. Sie ist bis heute in Betrieb — als Fußgängerbrücke. Der Dom St. Peter ist eines der bedeutendsten gotischen Kirchengebäude Deutschlands, mit den Domspatzen als einem der ältesten und berühmtesten Knabenchöre der Welt. Die Altstadtgassen mit ihren mittelalterlichen Geschlechtertürmen — Regensburg hatte mehr solcher Türme als San Gimignano in der Toskana — sind ein Stadtbild, das seinesgleichen sucht.

Augsburg — Roms ältestes Erbe nördlich der Alpen

Augsburg wurde um 15 v. Chr. als Augusta Vindelicorum von den Römern gegründet — nach Trier die zweitälteste Stadt Deutschlands. Die Lage an den Flüssen Lech und Wertach, auf halber Strecke zwischen München und Ulm, machte Augsburg zum Handelszentrum. Im 15. und 16. Jahrhundert waren die Fugger, die reichste Kaufmannsfamilie Europas, in Augsburg ansässig. Jacob Fugger, genannt der Reiche, war der erste Milliardär der Geschichte in modernem Sinne — und er baute 1516 die Fuggerei, die älteste noch bewohnte Sozialsiedlung der Welt. Miete heute: 88 Cent pro Jahr, mit der Verpflichtung zu täglichem Gebet für die Fuggerfamilie.

Augsburg ist außerdem die Geburtsstadt von Bert Brecht und Rudolf Diesel. Das ist eine ungewöhnliche Kombination.

Bamberg — tausend Jahre auf sieben Hügeln

Bamberg wird oft als das fränkische Rom bezeichnet — wegen seiner Lage auf sieben Hügeln und seiner Dichte an historischer Architektur. Das ist kein Marketingbegriff, sondern eine ernste Beschreibung. Der Bamberger Dom ist eines der bedeutendsten romanisch-gotischen Kirchengebäude Deutschlands, mit dem Bamberger Reiter als rätselhaftstem Reiterdenkmal des Mittelalters — niemand weiß genau, wen er darstellt. Das alte Rathaus steht auf einer künstlichen Insel in der Regnitz, weil der Bischof der Stadt dem Stadtrat kein Grundstück für ein Rathaus geben wollte. Die Antwort der Bürger war eine Insel in der Mitte des Flusses.

Bamberg ist UNESCO-Welterbe seit 1993 und braut mehr Biere pro Einwohner als jede andere Stadt der Welt — über neun Brauereien für 78.000 Einwohner, mit Rauchbier als lokaler Spezialität, die weltweit keine Entsprechung hat.

Bayern und die Alpen

Bayern ist das einzige deutsche Bundesland mit Hochalpen. Der Watzmann, der Zugspitze, das Berchtesgadener Land, das Allgäu — Berglandschaften, die qualitativ mit Österreich und der Schweiz mithalten können, preislich aber oft günstiger sind. Garmisch-Partenkirchen ist das bekannteste Wintersportzentrum Deutschlands, Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1936 und noch heute Weltcupstandort im alpinen Skisport. Der Königssee im Berchtesgadener Land ist einer der saubersten Seen Deutschlands — elektrische Boote seit 1909, kein Verbrennungsmotor seit über hundert Jahren.

Berchtesgaden selbst hat eine schwierige Geschichte. Der Obersalzberg über dem Ort war der Rückzugsort Adolf Hitlers — der Berghof und das Kehlsteinhaus sind Teil dieser Geschichte. Das Kehlsteinhaus, im Volksmund Adlerhorst genannt, wurde nach dem Krieg Aussichtsgaststätte. Die Dokumentation Obersalzberg arbeitet die Geschichte des Ortes auf — schonungslos und notwendig.

Wirtschaft — stärker als die meisten Länder

Bayern ist nach Nordrhein-Westfalen die wirtschaftsstärkste Region Deutschlands und würde als eigenständiges Land unter den 20 größten Volkswirtschaften Europas rangieren. Das Bruttoinlandsprodukt liegt über dem EU-Durchschnitt, die Arbeitslosigkeit unter dem Bundesdurchschnitt, die Exportquote über dem nationalen Schnitt.

Die Automobilindustrie — BMW in München, Audi in Ingolstadt und Neckarsulm, MAN in München — ist das bekannteste Standbein. Daneben Siemens mit Hauptsitz in München, MAN, Linde, Allianz, Munich Re, Rohde & Schwarz. Der Flughafen München ist nach Frankfurt der zweitgrößte Deutschlands und einer der pünktlichsten in Europa.

Häufige Fragen über Bayern

Wie groß ist Bayern?

70.550 Quadratkilometer — damit ist Bayern das größte Flächenland Deutschlands, größer als Irland und etwa so groß wie die Tschechische Republik. Von der Nordspitze bei Hof bis zur Südspitze an der Zugspitze sind es rund 350 Kilometer.

Was ist der Unterschied zwischen Bayern und Franken?

Franken bezeichnet den nördlichen Teil des heutigen Freistaates Bayern — grob die Regierungsbezirke Ober-, Mittel- und Unterfranken. Franken wurde 1806 Teil des Königreichs Bayern, war aber jahrhundertelang ein eigenständiges kulturelles und politisches Gebiet. Franken hat einen eigenen Dialekt, eine eigene Küche, eine eigene Identität. Nürnberger, Würzburger und Bamberger bezeichnen sich in der Regel nicht als Bayern.

Was bedeutet Freistaat Bayern?

Freistaat ist die offizielle Bezeichnung für eine Republik — im Gegensatz zu einer Monarchie. Bayern nannte sich nach der Abdankung König Ludwigs III. 1918 Freistaat, ebenso wie Sachsen und Thüringen. Der Begriff hat keine praktische Bedeutung mehr, wird aber in Bayern bewusst gepflegt als Zeichen der Eigenständigkeit.

Wann findet das Oktoberfest statt?

Das Oktoberfest beginnt traditionell am letzten Samstag im September und dauert 16 bis 18 Tage bis zum ersten Sonntag im Oktober. Der Name ist historisch — ursprünglich fand es vollständig im Oktober statt, wurde aber im Laufe der Zeit in den September vorverlegt, wegen des besseren Wetters.

Was sind die schönsten Städte in Bayern abseits von München?

Regensburg, Bamberg, Würzburg, Augsburg, Passau und Rothenburg ob der Tauber — alle mit gut erhaltenen Altstädten, alle UNESCO-Welterbe oder auf dem Weg dorthin, alle weniger überlaufen als München. Wer Bayern wirklich kennenlernen will, fährt in diese Städte.


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