Bremerhaven

Bremerhavendie Stadt, durch die Millionen Menschen Europa verließen

Unterschätzt, übersehen, unterschätzenswert

Wer nach Bremerhaven fährt, fährt meist nicht wegen Bremerhaven. Er fährt wegen des Museums, wegen des Hafens, wegen eines Tagesausflugs von Bremen aus. Und dann bleibt er länger als geplant. Bremerhaven ist eine Stadt, die man nicht erwartet — und die genau das zu ihrem Vorteil macht.

Mit rund 113.000 Einwohnern ist Bremerhaven die zweitgrößte Stadt des Stadtstaates Bremen und eine der wenigen deutschen Städte, die direkt an der Nordsee liegen. Gegründet erst 1827 — jung für eine norddeutsche Stadt — hat sie in knapp 200 Jahren eine Geschichte angesammelt, die schwerer wiegt als manche tausendjährige Kleinstadt.

Warum Bremerhaven überhaupt existiert

Bremen hatte ein Problem. Die Weser versandete im 19. Jahrhundert zusehends, große Seeschiffe kamen nicht mehr bis in die Stadt. Der Bremer Kaufmann und Bürgermeister Johann Smidt löste das Problem auf elegante Weise: Er kaufte 1827 dem Königreich Hannover ein Stück Land an der Wesermündung ab — für 78.870 Taler. Darauf entstand Bremerhaven, der Außenhafen Bremens, 60 Kilometer vom Mutterland entfernt.

Die Investition rentierte sich schneller als gedacht. Bremerhaven wurde zum wichtigsten Auswandererhafen Europas. Zwischen 1830 und 1974 verließen über 7 Millionen Menschen den Kontinent durch Bremerhaven — Deutsche, Polen, Russen, Juden, die vor Pogromen flohen, Europäer aller Art, die in Amerika ein neues Leben suchten. Ellis Island in New York war die Ankunft. Bremerhaven war der Abschied.

Das Deutsche Auswandererhaus — das beste Museum, das kaum jemand kennt

Das Deutsche Auswandererhaus am Alten Hafen ist eines der eindrucksvollsten Museen Deutschlands — und eines der am meisten unterschätzten. Wer es betritt, bekommt beim Einlass die Identität eines echten Auswanderers zugewiesen. Man verfolgt seinen Weg vom Abschied in Deutschland bis zur Ankunft in Amerika. Die Ausstellung arbeitet nicht mit Schautafeln und Erklärungstexten — sie arbeitet mit Gerüchen, Geräuschen, nachgebauten Schiffskabinen und echten Geschichten.

Seit 2012 gibt es auch einen Rückwanderungsbereich — für die, die zurückkamen oder nach Deutschland einwanderten. Das Museum hat 2005 und 2012 den Europapreis für das beste Museum des Jahres gewonnen. Besuch dauert mindestens zwei Stunden, realistisch drei.

Der Hafen — Europas Autoterminal

Bremerhaven ist heute einer der größten Universalhäfen Europas. Der Containerumschlag gehört zu den zehn größten weltweit. Aber das eigentliche Alleinstellungsmerkmal ist ein anderes: Bremerhaven ist der weltgrößte Umschlagplatz für Automobile. Jedes Jahr werden hier zwischen 1,5 und 2 Millionen Fahrzeuge verladen — Neuwagen aus deutschen und europäischen Werken, die per Schiff in alle Welt gehen. Wer vom Alten Hafen aus auf die Terminalflächen schaut, sieht eine scheinbar endlose Fläche voller Autos — ein Bild, das man nicht schnell vergisst.

Das Klimahaus — eine Reise um die Welt auf dem 8. Längengrad

Das Klimahaus 8° Ost ist ein Konzept, das einfach klingt und in der Umsetzung beeindruckt. Der 8. Längengrad verläuft genau durch Bremerhaven — und durch Orte wie die Sahara, den Tschad, die Antarktis und die Südsee. Das Museum führt Besucher entlang dieses Längengrads durch acht Klimazonen, mit echten Temperaturen, echten Gerüchen und echten Geschichten von Menschen, die dort leben. Minus 20 Grad in der Antarktiszone, 45 Grad in der Wüste — im selben Gebäude, innerhalb einer Stunde.

Das Deutsche Schifffahrtsmuseum

Das Deutsche Schifffahrtsmuseum, 1975 eröffnet und vom Architekten Hans Scharoun entworfen, ist das größte schifffahrtshistorische Museum Deutschlands. Draußen im Hafenbecken liegen echte historische Schiffe, darunter die Hansekogge von 1380 — das besterhaltene mittelalterliche Handelsschiff der Welt, 1962 in der Weser gefunden. Drinnen erzählt das Museum die Geschichte der deutschen Seefahrt von der Antike bis zur Gegenwart.

Zoo am Meer — klein aber außergewöhnlich

Der Zoo am Meer ist kein großer Zoo. Er hat keine Elefanten, keine Giraffen, keine Großkatzen. Er hat Eisbären, Robben, Pinguine und Seevögel — und das direkt an der Nordsee. Das macht ihn zu einem der stimmungsvollsten Zoos Deutschlands, besonders im Herbst und Winter, wenn das Wetter rau ist und die Tiere trotzdem draußen sind.

Bremerhaven heute

Bremerhaven kämpft. Die Arbeitslosigkeit liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt, die Infrastruktur ist in Teilen marode, die Bevölkerung schrumpft seit Jahrzehnten. Der Strukturwandel nach dem Ende des Werftbaus in den 1980ern hat tiefe Spuren hinterlassen.

Gleichzeitig ist Bremerhaven eine Stadt im Umbau. Die Havenwelten, das neue Stadtquartier rund um den Alten Hafen, haben die Innenstadt in den letzten zwanzig Jahren verändert. Die Museen ziehen Besucher von weit her. Die Windkraftbranche hat sich in der Region angesiedelt. Bremerhaven ist keine einfache Stadt — aber eine ehrliche.

Häufige Fragen über Bremerhaven

Wie weit ist Bremerhaven von Bremen entfernt?

Rund 60 Kilometer nördlich von Bremen, direkt an der Mündung der Weser in die Nordsee. Mit dem Zug ab Bremen Hauptbahnhof dauert die Fahrt etwa 45 Minuten, mit dem Auto je nach Verkehr eine Stunde.

Warum gehört Bremerhaven zu Bremen?

Weil Bremen 1827 das Gebiet an der Wesermündung vom Königreich Hannover gekauft hat, um einen Tiefwasserhafen zu betreiben. Seitdem ist Bremerhaven eine Exklave des Stadtstaates Bremen — politisch zu Bremen gehörig, geografisch von Niedersachsen umgeben.

Was sind die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Bremerhaven?

Das Deutsche Auswandererhaus, das Klimahaus 8° Ost, das Deutsche Schifffahrtsmuseum mit der mittelalterlichen Hansekogge, der Zoo am Meer und der Alte Hafen mit den historischen Schiffen. Alle fünf liegen fußläufig voneinander entfernt.

Wie viele Einwohner hat Bremerhaven?

Rund 113.000 Einwohner — damit ist Bremerhaven eine mittelgroße deutsche Stadt und die zweitgrößte des Bundeslandes Bremen nach der Stadtgemeinde Bremen selbst.

Lohnt sich ein Tagesausflug nach Bremerhaven?

Ja — ein voller Tag reicht für die wichtigsten Museen und den Hafen. Wer das Auswandererhaus und das Klimahaus gründlich besuchen will, sollte mindestens sechs Stunden einplanen. Ein Übernachtungsbesuch lohnt sich besonders im Sommer, wenn die Havenwelten abends belebt sind.

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