Brandenburg — das Land, das Berlin umschließt und selbst oft vergessen wird
Brandenburg ist kein Durchgangsland
Wer aus Berlin herausfährt, fährt fast immer durch Brandenburg. Flaches Land, Kiefernwälder, Seen, kleine Städte, weite Felder. Viele fahren durch und nennen es langweilig. Das ist ein Irrtum, der vor allem daran liegt, dass Brandenburg nicht laut ist. Es wirbt nicht. Es erklärt sich nicht. Es ist einfach da — mit einer Geschichte, die älter ist als Preußen, mit einer Natur, die in dieser Ausdehnung in Mitteleuropa selten ist, und mit Städten, die mehr zu bieten haben als ihre Einwohnerzahlen vermuten lassen.
Brandenburg ist das fünftgrößte Flächenland Deutschlands mit knapp 30.000 Quadratkilometern und gleichzeitig eines der am dünnsten besiedelten — rund 2,5 Millionen Einwohner, was einer Bevölkerungsdichte entspricht, die in Westdeutschland nur in den entlegensten Teilen Niedersachsens vorkommt. Wer Ruhe sucht, ist hier richtig. Wer Dichte sucht, fährt nach Berlin — das mitten in Brandenburg liegt und trotzdem ein eigenes Bundesland ist, was geografisch absurd und historisch völlig logisch ist.
Geschichte — Preußen beginnt hier
Brandenburg ist der Ursprung Preußens — und damit mittelbar der Ursprung des deutschen Kaiserreichs, der Weltkriege und der Teilung. Das ist eine schwere Last für ein dünn besiedeltes Bundesland. Die Mark Brandenburg, gegründet 1157 von Albrecht dem Bären als Markgrafschaft, war der Ausgangspunkt der Hohenzollern-Herrschaft. Von hier aus expandierte Preußen nach Osten, Norden und Westen, bis es schließlich 1871 das Deutsche Reich unter sich einte.
Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 verwüstete Brandenburg wie kaum ein anderes deutsches Territorium. Manche Regionen verloren über die Hälfte ihrer Bevölkerung. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm, der Brandenburg nach dem Krieg wieder aufbaute, holte Hugenotten aus Frankreich und Juden aus Wien ins Land — eine pragmatische Toleranzpolitik, die Brandenburg kulturell bereicherte und wirtschaftlich rettete. Neuruppin, Schwedt, Frankfurt an der Oder — viele Städte Brandenburgs haben hugenottische Wurzeln, die bis heute im Stadtbild erkennbar sind.
Die DDR-Zeit hinterließ tiefe Spuren. Industriestädte wie Eisenhüttenstadt, die erste sozialistische Planstadt Deutschlands, wurden aus dem Boden gestampft. Cottbus wurde zur Energiestadt des Ostens, mit riesigen Tagebauen rund um die Stadt. Nach der Wiedervereinigung brach die Industrie weg, die Bevölkerung schrumpfte, die Jugend zog ab. Brandenburg kämpft bis heute mit den Folgen — und beginnt langsam, neue Antworten zu finden.
Potsdam — Preußens Versailles
Potsdam ist die Landeshauptstadt Brandenburgs und eine der außergewöhnlichsten Städte Deutschlands. Nicht wegen seiner Größe — rund 185.000 Einwohner — sondern wegen seiner Dichte an historischen Parkanlagen, Schlössern und Kulturbauten, die auf engstem Raum konzentriert sind. Seit 1990 gehören die Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin gemeinsam zum UNESCO-Welterbe — eine der größten zusammenhängenden Welterbestätten Deutschlands.
Sanssouci ist das bekannteste Schloss — gebaut 1747 von Friedrich dem Großen als Sommerresidenz, benannt nach dem französischen Begriff für Sorglosigkeit. Friedrich der Große wollte hier Philosoph sein, nicht König. Voltaire besuchte ihn. Flöte spielen war ihm wichtiger als Regieren, auch wenn er beides tat und beides gut. Das Schloss selbst ist kleiner als erwartet — einstöckig, auf einer Weinbergterrasse — und gerade deshalb eindrucksvoller als die großen Prunkbauten anderer Monarchen.
Der Park Sanssouci ist riesig — 290 Hektar, mit dem Neuen Palais, der Bildergalerie, dem Chinesischen Haus und Dutzenden weiterer Bauten. Man braucht mindestens einen vollen Tag, realistisch zwei. Das Neue Palais am westlichen Ende des Parks ist das, was Friedrich eigentlich nicht wollte: ein riesiges Repräsentationsgebäude, gebaut nach dem Siebenjährigen Krieg als Demonstration der preußischen Stärke. Friedrich selbst wohnte nie darin.
Das Holländische Viertel in Potsdam ist ein erhaltenes Ensemble aus 134 roten Backsteingebäuden, das Friedrich Wilhelm I. für holländische Handwerker und Kaufleute bauen ließ, die er ins Land holte. Die Häuser sehen aus wie aus Amsterdam versetzt. Das Russische Viertel Alexandrowka, ebenfalls Welterbe, besteht aus zwölf russischen Blockhäusern, die Friedrich Wilhelm III. 1826 für russische Sänger bauen ließ. Potsdam ist eine Stadt aus Versatzstücken anderer Kulturen — und das ergibt ein erstaunlich kohärentes Ganzes.
Die Potsdamer Konferenz von 1945, in der Truman, Churchill und Stalin die Nachkriegsordnung Deutschlands und Europas festlegten, fand im Schloss Cecilienhof statt — direkt am Jungfernsee, heute Museum und Hotel gleichzeitig. Wer in Potsdam übernachtet, kann im Nebengebäude schlafen, in dem die Delegationen 1945 untergebracht waren. Geschichte zum Anfassen, buchstäblich.
Cottbus — die zweite Stadt Brandenburgs
Cottbus ist mit rund 100.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Brandenburgs und der Mittelpunkt der Niederlausitz — einer Region, die kulturell und sprachlich von den Sorben geprägt wurde, der slawischen Minderheit, die seit dem Mittelalter in der Lausitz lebt. Sorbische Ortsschilder, sorbische Schulen, sorbische Kultur — Cottbus ist eine der wenigen Städte Deutschlands mit offiziell zweisprachigem Stadtbild.
Cottbus war jahrzehntelang die Energiestadt der DDR. Die riesigen Braunkohletagebaue rund um die Stadt versorgten die gesamte DDR mit Strom. Nach der Wiedervereinigung wurden viele Tagebaue stillgelegt — und aus den riesigen Gruben entstehen langsam die größten künstlich angelegten Seen Europas. Das Lausitzer Seenland, entstanden aus ehemaligen Tagebauen, wird bis in die 2030er Jahre wachsen und dann eine Seenlandschaft von der Größe des Chiemsees umfassen. Was als Wunde in der Landschaft begann, wird zum Freizeitgebiet. Brandenburg ist gut darin, aus Verlust etwas Neues zu machen.
Das Brandenburger Theater Cottbus ist das einzige zweisprachige Theater Deutschlands — Deutsch und Sorbisch. Die Altstadt mit dem Spremberger Turm und der Oberkirche St. Nikolai ist kleiner als Potsdam, aber intakt und sehenswert.
Brandenburg an der Havel — die Stadtmutter
Brandenburg an der Havel ist die Stadt, die dem Bundesland seinen Namen gab — nicht umgekehrt. Die Stadt an der Havel, rund 70 Kilometer westlich von Berlin, war im Mittelalter der Ausgangspunkt der Mark Brandenburg, Bischofssitz und Handelszentrum. Heute hat sie rund 72.000 Einwohner und kämpft wie viele ostdeutsche Mittelstädte mit Schrumpfung und Strukturwandel.
Was geblieben ist, ist beeindruckend. Der Dom zu Brandenburg, begonnen im 12. Jahrhundert, ist eines der bedeutendsten romanisch-gotischen Kirchengebäude Norddeutschlands — und kaum bekannt außerhalb der Region. Die Havel teilt die Stadt in eine Altstadt und eine Neustadt, verbunden durch historische Brücken und gesäumt von Wasserwegen, die an niederländische Grachten erinnern. Brandenburg an der Havel ist eine Stadt, die ihre besseren Zeiten hinter sich hat — und darin ehrlicher ist als viele andere.
Natur — Brandenburgs eigentliche Stärke
Brandenburg hat mehr Seen als jedes andere deutsche Bundesland — über 3.000. Die Seenplatte im Norden, der Spreewald im Süden, die Uckermark im Nordosten, das Havelland im Westen — Landschaften, die im deutschen Kontext außergewöhnlich sind. Der Spreewald, ein Geflecht aus hunderten Wasserarmen südlich von Berlin, ist UNESCO-Biosphärenreservat und Heimat der sorbischen Minderheit. Gurken aus dem Spreewald haben eine geschützte Herkunftsbezeichnung — die Spreewaldgurke ist so bekannt, dass sie in jedem deutschen Supermarkt steht.
Die Uckermark im Nordosten Brandenburgs gilt als eine der schönsten und am wenigsten touristisch erschlossenen Landschaften Deutschlands. Große Seen, Buchenwälder, kaum Verkehr, fast keine Infrastruktur für Massentourismus. Wer Ruhe sucht, findet sie hier. Der Nationalpark Unteres Odertal an der polnischen Grenze ist eines der letzten naturnahen Flussauen Mitteleuropas — fast unbekannt, fast unberührt.
Neue Wege — Tesla, Chips und der Neuanfang
Brandenburg macht seit einigen Jahren Schlagzeilen, die früher undenkbar gewesen wären. Tesla baute in Grünheide bei Berlin seine erste europäische Gigafactory — mit 12.000 Arbeitsplätzen die größte Direktinvestition in der Geschichte Ostdeutschlands. Intel plante ein Chipwerk in Magdeburg — das liegt zwar in Sachsen-Anhalt, aber die Signalwirkung für die gesamte Region ist dieselbe. Brandenburg positioniert sich als Industriestandort für die Zukunft, nicht für die Vergangenheit.
Der Flughafen BER, nach neun Jahren Verspätung 2020 eröffnet, liegt in Schönefeld auf Brandenburger Gebiet — offiziell Berlin Brandenburg Airport, tatsächlich Brandenburg. Das ist symbolisch für das Verhältnis der beiden Bundesländer: eng verbunden, manchmal zum Verwechseln ähnlich, und doch eigenständig.
Häufige Fragen über Brandenburg
Wie viele Einwohner hat Brandenburg?
Rund 2,5 Millionen — womit Brandenburg eines der am dünnsten besiedelten Bundesländer Deutschlands ist. Die Bevölkerung ist seit der Wiedervereinigung gesunken, stabilisiert sich aber zunehmend, besonders im Berliner Umland, das stark wächst.
Was ist die Hauptstadt von Brandenburg?
Potsdam, mit rund 185.000 Einwohnern. Potsdam ist trotz seiner vergleichsweise geringen Größe eine der kulturell bedeutsamsten Städte Deutschlands, mit einer der höchsten Dichten an UNESCO-Welterbestätten bundesweit.
Was ist das Besondere am Spreewald?
Der Spreewald ist ein Netz aus über 970 Fließgewässern südlich von Berlin, entstanden durch die Verzweigung der Spree. Das Gebiet ist UNESCO-Biosphärenreservat, Heimat der Sorben mit ihrer eigenen slawischen Sprache und Kultur, und bekannt für seine Gurken mit geschützter Herkunftsbezeichnung. Kahnfahrten durch die Wasserarme gehören zu den beliebtesten Ausflügen aus Berlin.
Warum liegt Berlin nicht in Brandenburg?
Historisch gehörte Berlin zu Brandenburg, wurde aber 1920 zur eigenständigen Stadtgemeinde und nach dem Krieg zum eigenen Bundesland. Die Fusion beider Länder wurde 1996 per Volksabstimmung vorgeschlagen — und von den Brandenburgern abgelehnt. Seitdem sind Berlin und Brandenburg getrennte Bundesländer, die eng zusammenarbeiten und sich trotzdem nicht zusammenschließen wollen.
Was ist das Lausitzer Seenland?
Eine im Entstehen begriffene Seenlandschaft in der Niederlausitz, die aus gefluteten Braunkohletagebauen entsteht. Wenn die Flutung abgeschlossen ist — voraussichtlich in den 2030er Jahren — wird das Lausitzer Seenland mit rund 7.000 Hektar Wasserfläche eine der größten künstlich angelegten Seenlandschaften Europas sein, mit Stränden, Wassersport und Tourismus als neues wirtschaftliches Standbein der Region.
Lohnt sich ein Besuch in Brandenburg außerhalb von Potsdam?
Ja — vor allem der Spreewald, die Uckermark, Cottbus mit dem Lausitzer Seenland und Brandenburg an der Havel lohnen eigene Besuche. Brandenburg ist kein Reiseziel für Städtetourismus im klassischen Sinne, aber für Natur, Ruhe und ostdeutsche Geschichte ohne Tourismusrummel.
Alle Bundesländer und Städte Deutschlands finden Sie auf der Hauptseite: Deutschland-Städte.de
