Nordrhein-Westfalen — das Bundesland, das keine Mitte hat
Wer nach der Mitte von Nordrhein-Westfalen sucht, findet keine. Nicht geografisch, nicht kulturell, nicht politisch. NRW ist kein Bundesland mit einem Zentrum und einem Rand — es ist ein Flickenteppich aus Städten, die alle gleichzeitig Mittelpunkt sein wollen und das teilweise auch glaubwürdig vertreten.
Köln und Düsseldorf zum Beispiel. 45 Kilometer Rhein zwischen ihnen, gefühlt Welten. Köln ist laut, selbstironisch, hat einen Karneval, der für die Kölner kein Volksfest ist, sondern eine ernste Angelegenheit. Düsseldorf ist das Gegenteil — gepflegter, teurer, mit einer Königsallee, auf der die Kölner ungern einkaufen, schon aus Prinzip. Die Rivalität zwischen diesen beiden Städten erklärt mehr über NRW als jede Statistik.
Dabei ist Köln die größte Stadt des Bundeslandes, knapp über eine Million Einwohner, gegründet von den Römern. Der Name kommt von Colonia — das war das Kürzel für Colonia Claudia Ara Agrippinensium, was niemand aussprechen wollte, also blieb Colonia, dann Köln. Der Dom steht seit 1880 fertig und empfängt jeden Bahnreisenden direkt vor der Treppe. Schwer zu ignorieren.
Was viele vergessen: NRW hat außer Köln und Düsseldorf noch Dortmund, Essen, Duisburg, Bochum, Wuppertal, Bonn, Münster, Bielefeld, Aachen. Und noch ein paar mehr. Dreißig kreisfreie Städte insgesamt. Das ist nicht normal für ein Bundesland — das ist eine eigene Welt.
Das Ruhrgebiet ist der seltsamste Teil davon. Technisch gesehen eine Region, keine Stadt. Keine gemeinsame Verwaltung, kein Ortsschild mit der Aufschrift Ruhrgebiet. Und trotzdem weiß jeder, was gemeint ist, wenn man davon spricht. Fünf Millionen Menschen, die in Städten wohnen, die nahtlos ineinander übergehen. Dortmund hört auf, Bochum fängt an — der Unterschied ist nur dem Stadtplan bekannt, nicht der Straße.
Über ein Jahrhundert lang hat das Ruhrgebiet Kohle und Stahl geliefert. Die Zechen liefen durch beide Weltkriege, durch Wirtschaftskrisen, durch Strukturwandel-Debatten, die in Bonn und später Berlin geführt wurden, während im Revier die Hochöfen brannten. 2018 schloss die letzte Steinkohlezeche in Bottrop. Was blieb, sind Narben und Denkmäler — und manchmal ist der Unterschied zwischen beidem nicht groß. Die Zeche Zollverein in Essen steht heute auf der UNESCO-Welterbeliste. Das Gasometer in Oberhausen, ein ehemaliger Industriebehälter, zeigt darin Ausstellungen. Der Landschaftspark Duisburg-Nord ist ein stillgelegtes Hüttenwerk, das nachts angestrahlt wird. Die Region erfindet sich neu — das klingt nach PR-Broschüre, stimmt aber trotzdem.
Bonn war Hauptstadt. Provisorisch, hieß es 1949, bis zur Wiedervereinigung. Dann kam die Wiedervereinigung, Berlin übernahm, und Bonn blieb mit seinen breiten Ministeriumsgebäuden, von denen manche heute halb leer stehen. Beethoven ist hier geboren, 1770, das Geburtshaus gibt es noch. Die Stadt hat eine Universität, einen guten Ruf und eine leise Melancholie, die zu einer ehemaligen Hauptstadt passt.
Münster dagegen hat keine Melancholie. Münster hat Fahrräder. Mehr Fahrräder als Autos, das ist keine Metapher sondern eine gezählte Tatsache. Rund 500.000 Fahrräder für 320.000 Einwohner. Die Altstadt ist weitgehend autofrei. 60.000 Studierende prägen das Stadtbild. Und 1648 wurde hier — gleichzeitig in Osnabrück, weil die Kriegsparteien nicht in derselben Stadt tagen wollten — der Westfälische Friede unterzeichnet, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Geschichte lässt sich in Münster buchstäblich ablaufen.
Aachen liegt ganz im Westen, an der Grenze zu Belgien und den Niederlanden. Karl der Große hat dort residiert, der Dom steht noch — er war 1978 das erste Welterbe Deutschlands überhaupt, lange bevor Welterbe ein Tourismus-Etikett wurde. Solingen macht Messer, das schärfste Besteck des Landes, seit Jahrhunderten. Wuppertal hat eine Schwebebahn, die seit 1901 über dem Fluss hängt und noch immer fährt, was für deutsches Ingenieurwesen spricht und gleichzeitig etwas Surreales hat, wenn man zum ersten Mal darunter steht.
18 Millionen Einwohner, 22 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts, die meisten Großstädte, die lautesten Debatten, die tiefsten Strukturprobleme. NRW ist das Deutschland im Schnelldurchlauf — mit allem, was das bedeutet. Nicht immer schön, selten langweilig.
Häufige Fragen zu Nordrhein-Westfalen
Welche ist die größte Stadt in NRW? Köln, mit rund 1,1 Millionen Einwohnern. Viertgrößte Stadt Deutschlands, nach Berlin, Hamburg und München — wobei die Kölner diese Reihenfolge vermutlich kennen, aber nicht besonders ernst nehmen.
Was ist das Ruhrgebiet genau? Eine Stadtregion ohne gemeinsame Verwaltung, bestehend aus Dortmund, Essen, Bochum, Duisburg und weiteren Städten. Über fünf Millionen Einwohner, ehemals Zentrum der deutschen Schwerindustrie, heute im Strukturwandel. Die letzte Zeche schloss 2018.
Welche Städte in NRW sind UNESCO-Welterbe? Der Aachener Dom, als erstes deutsches Bauwerk überhaupt seit 1978, und die Zeche Zollverein in Essen seit 2001.
Was trennt Köln und Düsseldorf wirklich? 45 Kilometer Rhein und eine jahrzehntelange Rivalität, die in beiden Städten sehr ernst genommen wird. Köln hat den Karneval, Düsseldorf hat die Kö. Wer recht hat, hängt davon ab, wen man fragt — und wo.
Wie viele Menschen leben in NRW? Rund 18 Millionen. NRW ist das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands.









