Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt — das Bundesland, in dem Deutschland erfunden wurde

Ein Land ohne Lobby

Sachsen-Anhalt hat kein starkes Image. Kein kulinarisches Markenzeichen wie Bayern, keine Hafenromantik wie Hamburg, keine Kunstmetropole wie Berlin. Was es hat, ist Geschichte — in einer Dichte und Bedeutung, die kaum ein anderes deutsches Bundesland erreicht. Die Reformation begann hier. Das Heilige Römische Reich hatte hier sein Zentrum. Das Bauhaus wurde hier gegründet. Die Romanik hat hier ihre bedeutendsten Bauten hinterlassen. Das alles in einem Bundesland, das im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands selten vorkommt — und das ist ein kollektives Versäumnis, das dieser Text zumindest teilweise korrigieren will.

Mit rund 2,2 Millionen Einwohnern auf 20.450 Quadratkilometern ist Sachsen-Anhalt das am stärksten schrumpfende Bundesland Deutschlands. Seit 1990 hat es über 800.000 Einwohner verloren — durch Abwanderung, niedrige Geburtenraten und die Schließung ganzer Industriezweige. Die Folgen sind sichtbar: leere Innenstädte in Mittelstädten, verlassene Dörfer, eine Infrastruktur, die zu groß für die verbliebene Bevölkerung ist. Und gleichzeitig: ein kulturelles Erbe, das die Bevölkerungszahl um Größenordnungen übersteigt.

Geschichte — wo das Mittelalter noch steht

Sachsen-Anhalt ist das Kernland des mittelalterlichen Deutschen Reiches. Kein anderes Bundesland hat so viele Orte, an denen die Frühgeschichte Deutschlands greifbar ist — in Gebäuden, Ruinen, Landschaften, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert haben.

Otto I., der erste Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, wurde in Magdeburg zum Kaiser des Ostfrankenreiches — er ist dort begraben, im Dom, in einem der bedeutendsten Kaisergräber des deutschen Mittelalters. Magdeburg war seine Lieblingsresidenz, sein kulturelles Zentrum, das er mit Kirchen, Klöstern und Verwaltungsstrukturen ausstattete, die das mittelalterliche Europa prägten. Das Ottonen-Reich, das erste Reiches der Deutschen, hatte sein Herz in Sachsen-Anhalt — in Magdeburg, in Quedlinburg, in Merseburg.

Die Romanische Straße, eine Tourismusroute durch die bedeutendsten romanischen Bauwerke Mitteldeutschlands, führt fast vollständig durch Sachsen-Anhalt. Über 80 romanische Kirchen, Dome und Klöster auf engstem Raum — eine Dichte, die in Deutschland einmalig ist und in Europa nur von Italien und Frankreich übertroffen wird. Naumburger Dom, Quedlinburger Stiftskirche, Dom zu Halberstadt, Kloster Schulpforte, Klosterkirche Jerichow — alle romanisch, alle bedeutend, alle in einem Bundesland, das kaum jemand auf der Reisekarte hat.

Martin Luther wurde zwar in Eisleben geboren und starb dort — Sachsen-Anhalt hat damit Luthers Geburtsort und Sterbeort gleichzeitig — aber die entscheidenden Jahre der Reformation spielten sich in Wittenberg ab. Das Thesenanschlag von 1517 an der Schlosskirche, das Verhör vor dem Reichstag in Worms, die Bibelübersetzung auf der Wartburg — aber die theologische Arbeit, die Predigten, die Universität, die Freundschaft mit Melanchthon: alles Wittenberg. Ohne Sachsen-Anhalt keine Reformation — und ohne die Reformation wäre Europa ein anderes.

Magdeburg — die wiedergeborene Ottonenstadt

Magdeburg ist die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts und eine der ältesten Städte Deutschlands — urkundlich erstmals 805 erwähnt, als Karl der Große hier einen Hof einrichtete. Otto I. machte Magdeburg zum Mittelpunkt seines Reiches — er gründete das Erzbistum Magdeburg 968 als Missionszentrum für die slawischen Völker östlich der Elbe, und baute den Dom als seine Grablege und das Herzstück seiner Reichsvorstellung.

Der Magdeburger Dom, offiziell Dom St. Mauritius und St. Katharina, ist der älteste gotische Dom Deutschlands. Begonnen 1209, fertiggestellt 1520 — über 300 Jahre Bauzeit, in denen die Gotik sich von der frühen zur Spätform entwickelte. Im Dom liegt Otto I. — sein Grab, in der Mitte des Chors, ist eines der wenigen Kaisergräber Deutschlands, das sich am originalen Ort befindet. Die Krypta, das Oktogon, die Kreuzgänge — Magdeburgs Dom ist ein Gesamtkunstwerk, das zu den bedeutendsten Kirchenbauten Deutschlands gehört und im internationalen Bewusstsein zu Unrecht hinter Köln und Ulm steht.

Magdeburg wurde 1631 im Dreißigjährigen Krieg fast vollständig zerstört — beim Magdeburger Blutbad, einer der schlimmsten Massaker des Krieges, töteten kaiserliche und ligistische Truppen über 20.000 Menschen, über 80 Prozent der Bevölkerung. Die Stadt brannte drei Tage. Was danach entstand, war eine neue Stadt über den Fundamenten der alten. Dieser Wiederaufbau erklärt das heutige Stadtbild: barocke Gründungsstruktur, gründerzeitliche Bebauung, DDR-Plattenbauten und moderner Wiederaufbau nach 1945, als Magdeburg erneut schwer beschädigt wurde.

Der Magdeburger Reiter, aufgestellt um 1240 auf dem Alten Markt, ist die älteste freistehende Reiterstatue nördlich der Alpen — älter als der Kölner Dom, älter als die meisten gotischen Bauten Deutschlands. Die Figur stellt vermutlich Otto I. dar, auch wenn das kunsthistorisch umstritten ist. Das Original steht im Kulturhistorischen Museum Magdeburg — eine Kopie auf dem Marktplatz. Das Museum selbst ist eines der bedeutendsten historischen Museen Mitteldeutschlands.

Magdeburg hat außerdem Otto von Guericke — Bürgermeister der Stadt im 17. Jahrhundert und einer der bedeutendsten Naturforscher seiner Zeit. Guericke erfand die Luftpumpe und demonstrierte 1654 mit den Magdeburger Halbkugeln die Kraft des Luftdrucks: zwei Bronzehalbkugeln, aus denen die Luft gepumpt wurde, konnten von acht Pferdegespannen nicht auseinandergezogen werden. Das Experiment ist ein Klassiker der Physikgeschichte — und es fand in Magdeburg statt.

Halle an der Saale — Handel, Händel und Halloren

Halle ist die größte Stadt Sachsen-Anhalts — mit rund 240.000 Einwohnern größer als die Landeshauptstadt Magdeburg — und eine der lebendigsten Universitätsstädte Mitteldeutschlands. Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, hervorgegangen aus der Fusion zweier Universitäten 1817, hat über 20.000 Studierende und ist eine der ältesten Universitäten Deutschlands.

Halle ist eine Salzstadt. Das Salz der Saale — genauer: die Salzsolen, die unter der Stadt sprudeln — machte Halle im Mittelalter zu einem der wichtigsten Handelszentren Norddeutschlands. Die Halloren, die Salzsiedebrüder, waren eine Zunft mit eigenen Gesetzen, Traditionen und Privilegien, die bis ins 19. Jahrhundert existierte. Die Halloren sind heute Markenzeichen von Halle — die Halloren-Schokoladenfabrik, gegründet 1804 und damit die älteste Schokoladenfabrik Deutschlands, produziert Halloren Kugeln, die in Halle Kultstatus haben.

Georg Friedrich Händel wurde 1685 in Halle geboren — im selben Jahr wie Johann Sebastian Bach in Eisenach und Domenico Scarlatti in Neapel, einem der musikalisch dichtesten Jahrgänge der Geschichte. Händel verließ Halle früh — er lebte in Hamburg, in Italien, und ab 1712 in London, wo er englische Staatsbürgerschaft annahm und als George Frideric Handel seine bedeutendsten Werke schrieb. Der Messiah, die Wassermusik, die Feuerwerksmusik — alles London, alles England. Aber geboren wurde er in Halle, und Halle hat das nicht vergessen. Das Händel-Haus am Großen Nicolaiplatz ist Geburtshaus und Museum, die Händel-Festspiele sind eines der bedeutendsten Barockmusikfestivals Deutschlands.

Der Marktplatz mit dem Roten Turm, dem Roland und der Marktkirche ist das Herz der Halleschen Altstadt. Die Marktkirche Unser Lieben Frauen hat vier Türme — zwei gotische, zwei romanische — eine Kombination, die architekturhistorisch einmalig ist und die lange Baugeschichte der Kirche erzählt. In der Kirche hängt die Totenmaske Martin Luthers — der hier nach seinem Tod 1546 aufgebahrt wurde, auf dem Weg von Eisleben nach Wittenberg.

Die Moritzburg, eine spätgotische Burg aus dem 15. Jahrhundert am Rand der Altstadt, ist heute das Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt — mit einer der bedeutendsten Sammlungen des deutschen Expressionismus, ergänzt durch mittelalterliche Skulpturen und Werke der Klassischen Moderne. Kirchner, Nolde, Feininger — die Sammlung wurde in der DDR bewahrt, als sie in Westdeutschland als entartet galt. Das ist eine von vielen sächsisch-anhaltischen Ironien.

Lutherstadt Wittenberg — wo Europa sich veränderte

Wittenberg ist eine kleine Stadt — rund 47.000 Einwohner — die an einem einzigen Tag im Jahr 1517 welthistorische Bedeutung erlangte. Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche geschlagen haben. Ob er sie wirklich anschlug oder nur versandte, ist historisch umstritten — die symbolische Kraft des Moments ist es nicht.

Wittenberg war der Ort, an dem Luther lebte, lehrte, predigte und schrieb. Die Stadtkirche St. Marien — die Stadtkirche, nicht die Schlosskirche — ist die eigentliche Predigtkirche Luthers. Hier heiratete er Katharina von Bora, taufte seine Kinder, hielt tausende Predigten. Der Cranach-Altar im Inneren, gemalt von Lucas Cranach dem Älteren, zeigt Luther als Prediger — eines der bedeutendsten Reformationsbilder Deutschlands.

Das Lutherhaus, Luthers Wohn- und Wirkungsstätte, ist das bedeutendste Reformationsmuseum der Welt — mit Originalbriefen, Luthers Bibelübersetzung, Melanchthons Korrespondenz und Objekten aus dem täglichen Leben der Reformationsfamilien. Die Dauerausstellung ist kein trockenes Museum — sie erzählt die Geschichte einer Revolution, die mit Worten begann.

Philipp Melanchthon, Luthers engster Mitstreiter und der Systematiker der Reformation, lebte in Wittenberg — sein Haus, das Melanchthonhaus, ist ebenfalls erhalten und Museum. Lucas Cranach der Ältere, einer der bedeutendsten deutschen Maler der Renaissance und enger Freund Luthers, hatte in Wittenberg sein Atelier und Apotheke. Die Cranach-Höfe in der Schlossstraße sind restauriert und zugänglich. Wittenberg ist ein Ort, an dem Geschichte nicht rekonstruiert, sondern bewohnt wird.

Die Schlosskirche, an deren Tür die Thesen geschlagen wurden, wurde 1760 zerstört und 1892 zum 375. Jahrestag der Reformation wiederaufgebaut — mit bronzenen Türen, in die die 95 Thesen eingraviert sind. Keine originalen Holztüren, keine originale Kirche — aber ein Erinnerungsort von ungebrochener Kraft. Im Chorraum liegen Luther und Melanchthon begraben.

Seit 1996 gehören Lutherhaus und Schlosskirche zum UNESCO-Welterbe — gemeinsam mit der Luthergedenkstätte in Eisleben.

Dessau und das Bauhaus — die Schule, die das Design erfand

Dessau ist eine mittelgroße Stadt mit rund 80.000 Einwohnern, die in der Designgeschichte des 20. Jahrhunderts eine Bedeutung hat, die ihrer Größe nicht entspricht. Das Bauhaus — die bedeutendste Designschule des 20. Jahrhunderts, gegründet 1919 in Weimar von Walter Gropius — zog 1925 nach Dessau, weil die Thüringer Landesregierung die Schule aus politischen Gründen rauswarf. In Dessau blieb das Bauhaus bis 1932.

Die Jahre in Dessau waren die produktivsten. Das Bauhausgebäude, von Gropius selbst entworfen und 1926 eröffnet, ist das ikonischste Gebäude der Moderne — eine Komposition aus Glas, Beton und Stahl, die Funktionalität und Ästhetik als gleichwertig behandelt. Die Meisterhäuser, ebenfalls von Gropius entworfen, waren die Wohnhäuser der Bauhausmeister — Kandinsky, Klee, Feininger, Moholy-Nagy lebten hier, arbeiteten hier, entwickelten hier eine Ästhetik, die das Design von der Architektur über die Typografie bis zum Alltagsgegenstand veränderte. Seit 1996 gehören Bauhausgebäude und Meisterhäuser zum UNESCO-Welterbe.

Das Bauhaus Dessau — heute Stiftung Bauhaus Dessau — ist Forschungszentrum, Ausstellungsort und Weiterbildungsinstitution. Die Dauerausstellung im Bauhausgebäude erzählt die Geschichte der Schule und ihrer Einflüsse. Wer das Bauhaus als abstraktes Designkonzept kennt, versteht es erst vollständig, wenn er in Dessau die Häuser sieht, die Räume betritt, die Proportionen erlebt.

Das Gartenreich Dessau-Wörlitz, eine weitläufige Parklandschaft aus dem 18. Jahrhundert rund um Dessau, ist ebenfalls UNESCO-Welterbe — seit 2000. Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau schuf hier das erste englische Landschaftspark-Ensemble auf dem Kontinent, mit Seen, Brücken, Tempeln, Kunstbauten und dem Wörlitzer Park als Herzstück. Das Gartenreich ist einer der am wenigsten bekannten UNESCO-Welterbestätten Deutschlands — und einer der eindrucksvollsten.

Quedlinburg — tausend Jahre in Stein

Quedlinburg ist eine der außergewöhnlichsten Kleinstädte Deutschlands. Mit rund 24.000 Einwohnern und über 1.300 Fachwerkhäusern aus sechs Jahrhunderten ist es eine der am dichtesten mit historischer Bausubstanz gefüllten Städte des Landes. Die Altstadt, seit 1994 UNESCO-Welterbe, ist kein Freilichtmuseum — sie ist bewohnt, lebendig, ehrlich.

Das Stift Quedlinburg, gegründet 936 von Königin Mathilde als Gedächtnisstiftung für ihren Mann Heinrich I. — den ersten deutschen König — und ihren Sohn Otto I. — den ersten deutschen Kaiser — war eines der bedeutendsten Reichsstifte des Mittelalters. Die Stiftskirche St. Servatius, in romanischem Stil vollendet um 1129, überragt die Stadt von einem Burgberg aus — sichtbar von weitem, aus der Stadt heraus und vom Umland. In der Krypta ruhen Heinrich I. und Königin Mathilde — die dynastischen Gründer des deutschen Königtums.

Das Schatzkammer-Museum im Stift bewahrt bedeutende mittelalterliche Kunstwerke: den Quedlinburger Schatz mit Reliquiaren, Bucheinbänden und Elfenbeinarbeiten aus dem 10. bis 12. Jahrhundert — eine Sammlung, die im Zweiten Weltkrieg von US-Amerikanern gestohlen und erst 1992 teilweise zurückgegeben wurde. Die Geschichte des Quedlinburger Schatzes ist selbst ein Kapitel — über Kunstraub, Restitution und die Fragilität kulturellen Erbes.

Naumburg — der Dom und die Stifter

Der Naumburger Dom ist eines der Meisterwerke der mittelalterlichen europäischen Kunst — und seit 2018 UNESCO-Welterbe. Das Gesamtkunstwerk aus Architektur und Skulptur, entstanden im 13. Jahrhundert, ist vor allem für seine Stifterfiguren bekannt: zwölf lebensgroße Skulpturen der Stifter des Doms, geschaffen vom unbekannten Naumburger Meister um 1250.

Die Stifterfiguren sind einzigartig in der mittelalterlichen Skulptur. Während andere romanische und gotische Skulpturen typisierte Heilige und Könige zeigen, hat der Naumburger Meister individuelle Persönlichkeiten geschaffen — mit Gesichtsausdrücken, Gesten und Haltungen, die an Porträts erinnern, 400 Jahre bevor das Porträt als Kunstgattung existierte. Uta von Naumburg, die Markgräfin, die ihren Mantelkragen hochhält, gilt als die realistischste weibliche Skulptur des deutschen Mittelalters — und als eine der ausdrucksstärksten Figuren der europäischen Skulpturgeschichte überhaupt.

Naumburg liegt im Saale-Unstrut-Weingebiet — dem nördlichsten Qualitätsweingebiet Deutschlands, nördlicher als die Mosel, nördlicher als der Rhein. Grauburgunder, Weißburgunder und Müller-Thurgau gedeihen hier auf Muschelkalk und Buntsandstein. Die Weine sind wenig bekannt außerhalb der Region — und gut genug, um bekannter zu sein.

Das Harzvorland — Quedlinburg, Halberstadt, Wernigerode

Das Harzvorland nördlich des Gebirges ist eine der historisch reichsten Landschaften Deutschlands. Halberstadt, eine mittelgroße Stadt am Nordrand des Harzes, hat einen Dom — den Dom St. Stephanus und St. Sixtus — der zu den bedeutendsten gotischen Kathedralen Norddeutschlands gehört. Der Domschatz ist einer der bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenschätze Deutschlands. Halberstadt wurde 1945 schwer bombardiert — aber der Dom überstand, und mit ihm der Schatz.

Wernigerode, am Rand des Harzes mit Blick auf den Brocken, ist eine der attraktivsten Fachwerkstädte Deutschlands — mit einem Schloss auf dem Hang über der Stadt, das im 19. Jahrhundert im Stil der Neugotik umgebaut wurde und heute als romantischstes Schloss des Harzes gilt. Die Bimmelbahn — die Harzer Schmalspurbahn — fährt von Wernigerode über den Brocken nach Nordhausen und ist selbst ein Touristenziel: Dampflokbetrieb, enge Spurweite, Landschaftspanoramen.

Thale am Harz ist Ausgangspunkt für die Roßtrappe und die Hexentanzplatz — Felsformationen über der Bodeschlucht, die seit dem Mittelalter mit Hexensagen und dem Walpurgisnacht-Brauchtum verbunden sind. Jedes Jahr am 30. April feiern die Harzstädte die Walpurgisnacht — mit Kostümen, Feuern und einer heidnischen Ausgelassenheit, die die protestantische Tradition des Landes kurzfristig vergessen lässt.

Lutherstadt Eisleben — Anfang und Ende

Eisleben ist der Ort, an dem Martin Luthers Leben begann und endete. Er wurde hier 1483 geboren, in einem Bürgerhaus in der Andreaskirchstraße — heute Museum. Er starb hier 1546, in einem anderen Haus in derselben Stadt — heute ebenfalls Museum. Beide Häuser gehören seit 1996 zum UNESCO-Welterbe.

Dazwischen lagen 62 Jahre, die Europa veränderten. Wittenberg war sein Wirkungsort, Eisleben sein Ursprung und sein Ende. Das gibt der kleinen Stadt — rund 24.000 Einwohner — eine symbolische Geschlossenheit, die über Geschichte und Geografie hinausgeht. Wer Luthers Leben in einem Ort verstehen will, fährt nach Wittenberg. Wer Luthers Menschlichkeit verstehen will, kommt nach Eisleben.

Wirtschaft — zwischen Chemie, Energie und Neuanfang

Sachsen-Anhalt hat eine Wirtschaftsstruktur, die von der DDR-Industrie geprägt und nach 1990 weitgehend deindustrialisiert wurde. Was blieb, sind Fragmente — und Neuansätze.

Die chemische Industrie hat in Sachsen-Anhalt historische Wurzeln. Leuna, in der Nähe von Halle, war in der DDR einer der größten Chemiekomplexe Europas. Nach der Privatisierung und Umstrukturierung in den 1990ern ist der Chemiepark Leuna heute wieder einer der bedeutendsten Chemiestandorte Deutschlands — mit Total, Dow Chemical und anderen internationalen Konzernen. Bitterfeld-Wolfen, einst eines der umweltverschmutzendsten Industriegebiete Europas, hat sich in zwei Jahrzehnten zu einem Chemie- und Solarenergiestandort gewandelt — ein Strukturwandel, der international als Modell gilt.

Die Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt ist großflächig und produktiv — das Bundesland hat die fruchtbarsten Böden Deutschlands außerhalb Bayerns, mit einer Schwarzerde-Qualität, die an die Ukraine erinnert. Zuckerrüben, Getreide, Raps — Sachsen-Anhalt ist einer der bedeutendsten Agrarstandorte Deutschlands, auch wenn das in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorkommt.

Intel plante 2022 die Ansiedlung eines Chipwerkes in Magdeburg — eine der größten Industrieinvestitionen in der Geschichte Ostdeutschlands. Die Pläne wurden 2024 vorläufig auf Eis gelegt, wegen veränderte Marktbedingungen in der Halbleiterindustrie. Der Grundstein war bereits gelegt. Ob und wann Intel baut, bleibt offen — aber das Signal war gesetzt: Sachsen-Anhalt ist bereit für die Zukunft.

Häufige Fragen über Sachsen-Anhalt

Wie viele Einwohner hat Sachsen-Anhalt?

Rund 2,2 Millionen — und damit ist Sachsen-Anhalt das Bundesland mit dem stärksten Bevölkerungsrückgang seit 1990. Über 800.000 Einwohner hat das Land seitdem verloren. Die Stabilisierung ist ein politisches Ziel — aber kein einfaches, in einem Bundesland, das strukturell vor großen Herausforderungen steht.

Was ist die Hauptstadt von Sachsen-Anhalt?

Magdeburg, mit rund 235.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Bundeslandes nach Halle an der Saale. Magdeburg wurde 1990 Landeshauptstadt, als Sachsen-Anhalt als Bundesland neu gegründet wurde — eine Rückkehr zu einer Funktion, die die Stadt seit dem Mittelalter hatte.

Wie viele UNESCO-Welterbestätten hat Sachsen-Anhalt?

Sachsen-Anhalt hat sechs UNESCO-Welterbestätten — mehr als die meisten deutschen Bundesländer. Luthergedenkstätten in Wittenberg und Eisleben, Bauhausgebäude und Meisterhäuser in Dessau, Gartenreich Dessau-Wörlitz, Stiftskirche und Altstadt Quedlinburg, Naumburger Dom und Dombereich. Diese Dichte ist international und wird im Bundesland selbst kaum angemessen gewürdigt.

Was ist die Romanische Straße?

Eine Tourismusroute durch die bedeutendsten romanischen Bauten Mitteldeutschlands — Dome, Kirchen, Klöster und Burgen aus dem 10. bis 13. Jahrhundert, konzentriert in Sachsen-Anhalt und angrenzenden Regionen. Die Romanische Straße führt von Magdeburg über Quedlinburg, Halberstadt, Naumburg, Merseburg und Halle — und verbindet Bauten, die zu den bedeutendsten des deutschen Mittelalters gehören.

Warum ist Wittenberg so bedeutend für die Reformation?

Weil Luther hier lebte, lehrte, predigte und seine theologischen Hauptwerke schrieb. Die Universität Wittenberg war das Zentrum der reformatorischen Theologie. Luther und Melanchthon wirkten hier gemeinsam — Luther als Prediger und Theologe, Melanchthon als Systematiker und Pädagoge. Ohne Wittenberg wäre die Reformation eine lokale Bewegung geblieben — Wittenberg machte sie zur europäischen Revolution.

Lohnt sich ein Besuch in Sachsen-Anhalt?

Unbedingt — besonders für alle, die deutsche Geschichte ernst nehmen. Wer die Reformation verstehen will, fährt nach Wittenberg. Wer das Bauhaus verstehen will, nach Dessau. Wer das Mittelalter erleben will, nach Quedlinburg, Naumburg und Magdeburg. Sachsen-Anhalt ist kein Reiseziel für Strandurlaub oder Bergwandern — aber für Kulturreisen ist es eines der ergiebigsten Bundesländer Deutschlands.


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