Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein. Zwei Meere. Ein Land. Kein Aufhebens.

Nordsee im Westen. Ostsee im Osten. Dazwischen: 70 Kilometer flaches Land, Wind, Raps, ein paar Hügel, viel Himmel. Schleswig-Holstein ist das einzige deutsche Bundesland, das an zwei Meere grenzt — und es macht davon wenig Aufhebens. Das ist typisch.

Hier redet man nicht viel. Man macht. Man ist. Und wenn man nicht mehr ist, dann war man eben.

Wer Schleswig-Holstein versteht, versteht einen bestimmten Typ Norddeutschland — reserviert nach außen, verlässlich nach innen, mit einer Landschaft, die im ersten Moment leer wirkt und im zweiten unendlich.


Klein. Aber nicht zu klein.

2,9 Millionen Einwohner auf knapp 16.000 Quadratkilometern. Das ist weniger als München. Mehr als Irland hat auf seiner ganzen Insel. Kiel ist die Landeshauptstadt — keine Weltstadt, aber eine mit einer Bucht, die zu den schönsten Segelrevieren Europas zählt. Lübeck ist die bekannteste Stadt, obwohl sie nicht die Hauptstadt ist. Flensburg liegt so nah an Dänemark, dass Dänisch im Supermarkt keine Seltenheit ist.

Zwischen diesen drei Städten: Wiesen, Knicks — die typischen Wallhecken der Schleswiger Landschaft — Bauernhöfe, Kleinstädte, Fährhäfen und Strände, an denen im August Millionen Urlauber in Strandkörben sitzen und so tun, als wäre die Nordsee warm.

Sie ist es nicht. Das gehört dazu.


Lübeck — die Königin, die einmal regierte

Es war einmal eine Stadt, die Europa regierte. Nicht mit Armeen. Mit Schiffen. Mit Verträgen. Mit Salzhering.

Lübeck war im 13. und 14. Jahrhundert die mächtigste Handelsstadt Nordeuropas — Hauptstadt der Hanse, eines Netzwerkes von über 200 Kaufmannsstädten, das von London bis Nowgorod reichte. Wer Hering aus der Ostsee mit Salz aus Lüneburg konservierte und in alle Welt verschiffte, bestimmte, was Europa aß und zu welchem Preis. Das war Lübeck. Das war Macht.

Das Holstentor, gebaut 1478, ist das Wahrzeichen der Stadt — zwei runde Türme, ein Torbogen, ein Gebäude, das leicht schief steht, weil der Boden es langsam in sich aufnimmt. Es stand mal auf dem Fünf-Mark-Schein. Seither sind D-Mark und Euro gekommen und gegangen. Das Holstentor steht noch.

Die Altstadt Lübecks ist UNESCO-Welterbe seit 1987 — eine Backsteingotik in Reinform, mit sieben Kirchtürmen, die man von der Umgehungsstraße schon sieht, bevor man die Stadt betritt. Der Marienkirche, begonnen 1251, hat die größte Backsteingolwik Nordeuropas — und in ihrer Kapelle hängen zwei Kirchenglocken, die beim Bombenangriff 1942 aus dem Turm stürzten und zerbrachen. Sie liegen heute auf dem Boden, so wie sie fielen. Kein Sockel, kein Schild. Einfach da.

Thomas Mann wurde 1875 in Lübeck geboren. Sein Roman Buddenbrooks — Niedergang einer Familie, Aufstieg eines Schriftstellers — spielt hier, trägt die Stadt in sich wie eine Erbschaft. Das Buddenbrookhaus am Mengstraße ist Museum. Wer die Buddenbrooks gelesen hat, sieht Lübeck anders. Wer sie noch nicht gelesen hat, hat einen guten Grund, damit anzufangen.

Marzipan. Lübecker Marzipan. Das muss gesagt werden. Nicht weil es das Wichtigste ist — sondern weil jeder, der nach Lübeck kommt, am Ende in einem der Cafés am Markt sitzt und ein Stück Marzipankartoffel isst und denkt: Warum esse ich das sonst nicht öfter? Das Café Niederegger existiert seit 1806 und hat eine Marzipantorte im Schaufenster, die zwei Meter hoch ist. Nur zur Information.


Kiel — Hafen, Förde, und die schwerste Stunde

Kiel hat eine Förde. Das klingt unspektakulär. Es ist es nicht. Die Kieler Förde ist ein tief eingeschnittener Meeresarm, der die Stadt mit der Ostsee verbindet — und der im Sommer zum Segelrevier wird, das internationale Maßstäbe setzt.

Die Kieler Woche ist das größte Segelsportereignis der Welt. Jedes Jahr im Juni, zehn Tage lang, über 5.000 Segelboote, Crews aus 50 Nationen, drei Millionen Besucher. Kiel verwandelt sich — aus einer etwas müden Hafenstadt in eine Stadt, die weiß, wie man ein Fest gibt. Die restlichen 355 Tage im Jahr ist Kiel wieder sich selbst.

Kiel wurde im Zweiten Weltkrieg zu über 80 Prozent zerstört. Die Werften, der Hafen, die U-Boot-Industrie — alles strategisch wichtig, alles bombardiert. Was danach gebaut wurde, ist ehrlich und funktional und manchmal schlicht hässlich. Kiel macht keinen Hehl daraus. Die Stadt sagt nicht: Schaut, wie schön wir sind. Sie sagt: Schaut, was wir noch haben.

Was sie haben: die Förde. Das Christian-Albrechts-Universität, gegründet 1665, eine der ältesten Deutschlands. Das Schifffahrtsmuseum. Den Stadtwald. Und den Nord-Ostsee-Kanal, der direkt durch das Stadtgebiet führt — die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt, über 80 Meter breit, täglich dutzende Schiffe. Man steht am Ufer und schaut Containerschiffen beim Vorbeischieben zu. Das ist ruhiger als man denkt.


Flensburg — die Grenzstadt, die keine Grenze kennt

Flensburg liegt am nördlichsten Zipfel Deutschlands — so nah an Dänemark, dass die Grenze keine zehn Kilometer nördlich der Stadtmitte verläuft. Das prägt alles.

In Flensburg kauft man Dänisch-Bier. Man spricht Dänisch im Supermarkt, wenn man möchte — und niemand schaut komisch. Es gibt dänische Schulen, dänische Vereine, dänische Zeitungen. Die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein ist eine der bestintegriertesten Minderheiten Europas — kein Konflikt, keine Spannung, einfach Nebeneinander, seit Generationen.

Die Flensburger Förde ist nicht so berühmt wie die Kieler — aber fast genauso schön. Schmaler, windgeschützter, mit kleinen Häfen auf beiden Seiten, Segeljachten, Räucherfischständen. Dänemark auf der einen Seite, Deutschland auf der anderen, das Wasser dazwischen.

Die Flensburger Rum-Tradition ist so alt wie der Hafen selbst — Rum aus der Karibik wurde hier jahrhundertelang umgeschlagen, und einige Händler fingen an, ihn selbst zu lagern und zu mischen. A.H. Johannsen und andere Traditions-Rum-Händler existieren noch heute. Flensburger Rum ist in der Rumwelt ein Insider-Tipp.

Das Flensburger Kraftwerk — heute Kulturzentrum Kraftwerk Flensburg — ist eine der gelungensten Industriekonversionen Norddeutschlands. Alte Turbinenhallen, jetzt Konzertsaal. Backsteinwände, jetzt Ausstellungsraum. Die Stadt hat das Alte nicht weggeräumt — sie hat es anders benutzt.


Sylt. Muss sein.

Sylt ist nicht einfach eine Insel. Sylt ist eine Haltung.

Die schmale Nordseeinsel, 38 Kilometer lang und an der schmalsten Stelle 700 Meter breit, ist das teuerste Reiseziel Deutschlands und eines der wenigen Orte, an dem man mit einer Rolex am Handgelenk am Strand sitzt und das als normal empfindet. Westerland ist die Hauptstadt — ein etwas schroffes Seebad, das im Juli platzt und im Februar leer ist. Kampen ist das Dorf, in dem man gesehen werden möchte. Keitum ist das Dorf, in dem man wirklich lebt.

Der Strand ist außergewöhnlich. 40 Kilometer Weststrand — wilder Sand, Brandung, Strandkörbe in Reih und Glied, dahinter Dünen, dahinter Heide. Der Wind weht fast immer. Im Herbst weht er so, dass er einem das Gesicht aufraueht. Im Sommer weht er angenehm. Surfer, Kitesurfer und Strandbesucher, die sich zwischen Windschutzwänden verbarrikadieren — Sylt ist für alle etwas.

Der Sylter Dialekt — Söl’ring — ist eine der bedrohten Sprachen Deutschlands. Weniger als 1.000 Menschen sprechen ihn noch. Die Frisische Sprache hat Jahrtausende überlebt — Normannen, Dänemark, Preußen, Deutschland. Ob sie den Massentourismus überlebt, ist weniger sicher.

Man kommt nach Sylt mit dem Autozug — durch den Hindenburgdamm, einen neun Kilometer langen Bahndamm, der die Insel seit 1927 mit dem Festland verbindet. Diese neun Kilometer — Wattenmeer links, Wattenmeer rechts, Schienen geradeaus — sind eine der eigenartigsten Anreisen in Deutschland. Man fährt buchstäblich durchs Meer.


Die Nordseeküste — Watt und Wille

Das Wattenmeer ist kein Wasser. Es ist kein Land. Es ist beides, abwechselnd, zweimal täglich.

Bei Ebbe ist das Watt Schlickfläche, Sandbank, Priel — ein Labyrinth aus Kanälen und Flächen, auf dem man zu Fuß läuft und dabei Wattwürmer, Herzmuscheln und gelegentlich einen erschrockenen Seehund findet. Bei Flut ist dasselbe Stück Küste unter Wasser — bis zu vier Meter, je nach Gezeitenstand. Das ist keine Metapher. Das passiert wirklich, zweimal täglich, seit Millionen Jahren.

Das Wattenmeer ist UNESCO-Weltnaturerbe — gemeinsam mit dem niederländischen und dänischen Teil. Es ist eines der artenreichsten Ökosysteme der gemäßigten Zone, Brutplatz für Millionen Zugvögel, Aufzuchtgebiet für Fische, Heimat für Seehunde und Kegelrobben. Es ist auch das Ökosystem, das am meisten durch Sturmfluten und steigende Meeresspiegel gefährdet ist.

Husum, die graue Stadt am grauen Meer — Theodor Storms Beschreibung seiner Heimatstadt hat sich als Marketingkonzept erwiesen, das Storm selbst überlebt hat. Die Stadt ist kleiner als erwartet, hübscher als der Ruf vermuten lässt, mit einem Binnenhafen, der im Frühling von Millionen Krokussen umgeben ist. Storm ist überall — Geburtshaus, Museum, Denkmal. Husum hat seinen Dichter eingemauert in die eigene Identität. Das ist nicht schlimm. Storm hat es verdient.

Die Nordfriesischen Inseln — Föhr, Amrum, Pellworm, die Halligen — sind das stille Gegenstück zu Sylt. Föhr hat keine Autos auf den Promenaden und einen Strand, der ruhiger ist. Amrum hat die Kniepsand — eine der größten Sandbanke der Nordsee, bei Ebbe kilometerweit trocken. Die Halligen — winzige Marschinseln, die bei Sturmflut fast vollständig überschwemmt werden, nur die Warften mit den Häusern ragen raus — sind die einsamsten bewohnten Orte Deutschlands. Auf Langeness leben 100 Menschen. Es gibt eine Schule. Einen Arzt gibt es nicht.


Die Ostseeküste — die ruhigere Seite

Die Ostsee ist nicht die Nordsee. Kein Watt, keine Gezeiten, kein weißes Wellenschaum. Die Ostsee ist grün, ruhig, warm genug zum Schwimmen — jedenfalls im August. Travemünde, das Seebad vor Lübeck, ist seit 1802 Kurort — damit eines der ältesten deutschen Seebäder. Thomas Mann liebte es. Günter Grass verbrachte hier Sommer. Die Lübecker Bourgeoisie kommt seit 200 Jahren.

Eckernförde ist das Gegenteil von Sylt — bescheiden, ehrlich, bezahlbar. Eine kleine Bucht, ein Hafen, Räucherspotten. Der Geräucherte Heilbutt aus Eckernförde ist so bekannt, dass er eine eigene Markeneintragung hat. Plön mit dem Plöner See — einem der größten Seen Schleswig-Holsteins — ist der ruhige Mittelpunkt der holsteinischen Seenplatte, einer Landschaft, in der Dutzende Seen zwischen Hügeln und Wäldern liegen.


Geschichte, die man nicht erwartet

Schleswig-Holstein ist das einzige deutsche Bundesland, das in seiner Geschichte zu einem anderen Staat gehörte — zu Dänemark. Bis 1864 waren Schleswig und Holstein unter dänischer Oberhoheit, mit einem komplizierten Rechtsverhältnis, das Juristen Generationen beschäftigt hat. Bismarck löste die Frage auf seine Weise: Krieg gegen Dänemark 1864, Annexion, fertig. Die Narbe sitzt bis heute — nicht dramatisch, nicht feindselig, aber spürbar in der deutsch-dänischen Grenzregion, in der Minderheiten beider Seiten friedlich nebeneinanderleben.

Die Schlei, ein Meeresarm tief im Innern Schleswig-Holsteins, war in der Wikingerzeit der Zugang zu Haithabu — einer der bedeutendsten Handelsstädte Nordeuropas um das Jahr 1000. Haithabu war Drehscheibe für Pelze, Sklaven, Silber und Gewürze — eine Stadt, die größer war als London zu dieser Zeit. Dann brannte sie, 1050, und wurde nie wieder aufgebaut. Das Wikinger Museum Haithabu ist heute UNESCO-Welterbekandidat und eines der bedeutendsten archäologischen Museen Norddeutschlands.

Das Schleswig-Holsteinische Freilichtmuseum in Molfsee, südlich von Kiel, zeigt über 60 historische Gebäude aus dem 16. bis 20. Jahrhundert — Bauernhöfe, Windmühlen, Handwerkerhäuser. Eines der größten und besten Freilichtmuseen Deutschlands, kaum bekannt außerhalb des Bundeslandes.


Wirtschaft — ohne Aufhebens, aber solide

Schleswig-Holstein ist kein Industrieland. Es hat keine Automobilfabriken, keinen Chemiegürtel, kein Ruhrgebiet. Was es hat, ist Logistik — die Häfen Kiel, Lübeck und Flensburg sind bedeutende Ostseehäfen, der Fährverkehr nach Skandinavien läuft hier. Touristik — über 30 Millionen Übernachtungen jährlich, die Küste als Wirtschaftsmotor. Landwirtschaft — Milch, Schweine, Raps, auf einem Boden, der zu den produktivsten Norddeutschlands gehört. Windenergie — Schleswig-Holstein ist eines der führenden Bundesländer in der Windkraft und deckt zeitweise mehr als 100 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen.

Reinickendorf — das liegt in Berlin. Rendsburg — das liegt in Schleswig-Holstein und hat den Eisenbahnhochbrückenüberbau über den Nord-Ostsee-Kanal, der zu den technischen Meisterwerken des frühen 20. Jahrhunderts gehört und eine hängende Fähre unter sich trägt. Eine Schwebefähre, die an der Brücke hängt und Fußgänger und Radfahrer über den Kanal trägt. Die einzige ihrer Art in Deutschland. Kaum jemand weiß davon.


Häufige Fragen über Schleswig-Holstein

Warum hat Schleswig-Holstein zwei Meere?

Weil es geografisch zwischen Nord- und Ostsee liegt — die schmalste Stelle der Kimbrischen Halbinsel, auf der das Bundesland liegt, ist keine 70 Kilometer breit. Beide Küsten gehören zu Schleswig-Holstein, mit völlig unterschiedlichem Charakter: Nordsee rau und tidal, Ostsee ruhig und ohne Gezeiten.

Was ist der Unterschied zwischen Schleswig und Holstein?

Schleswig ist der nördliche Teil — historisch ein dänisches Lehen, mit einem hohen Anteil dänischer Bevölkerung. Holstein ist der südliche Teil — historisch ein deutsches Lehen des Heiligen Römischen Reiches. Beide kamen 1864 nach dem Deutsch-Dänischen Krieg zu Preußen, 1867 zur Provinz Schleswig-Holstein. Der Norden Schleswigs kehrte 1920 nach einer Volksabstimmung zu Dänemark zurück — heute Sønderjylland.

Wie kommt man nach Sylt?

Mit dem Autozug durch den Hindenburgdamm — der einzige Landweg auf die Insel. Der Zug fährt von Niebüll, dauert etwa 30 Minuten und man sitzt im Auto auf dem Zug. Alternativ: Fähre von List nach Rømø in Dänemark, von dort Straße nach Süden. Per Flugzeug — es gibt einen kleinen Flughafen auf Sylt mit Verbindungen nach Hamburg und Frankfurt.

Was sind die schönsten Städte in Schleswig-Holstein?

Lübeck ist die bekannteste und zu Recht. Flensburg ist die lebendigste. Kiel ist die größte. Husum ist die stimmungsvollste. Rendsburg ist die unterschätzteste. Dazu kommen die Küstenorte: Travemünde, Eckernförde, Schleswig mit seinem Dom und dem Wikinger Museum — eine eigene Kategorie.

Was ist der Nord-Ostsee-Kanal?

Eröffnet 1895, 98 Kilometer lang, verbindet die Nordsee bei Brunsbüttel mit der Ostsee bei Kiel-Holtenau. Es ist die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt — mehr Schiffe als durch den Suezkanal oder den Panamakanal. Man kann an mehreren Stellen am Ufer stehen und Containerschiffen beim langsamen Vorbeischieben zusehen. Das ist besser als es klingt.

Wann ist die beste Reisezeit für Schleswig-Holstein?

Juni bis August für Strände und Segeln — mit Hochsaisonpreisen auf Sylt und vollen Campingplätzen überall. Mai und September sind ruhiger, das Wetter unbeständiger, die Preise niedriger. Lübeck und Flensburg sind ganzjährig sehenswert. Der Wattenmeer-Nationalpark ist im Frühling und Herbst besonders interessant — Zugvögel in Millionenzahlen. Sylt im Winter ist für Menschen, die Einsamkeit und Sturm schätzen. Es gibt Menschen, die das schätzen.


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