Veröffentlicht am 14. Mai 2025 von Leon Fischer
Kein Stau auf der A10, keine Parkplatzsuche in irgendeiner Altstadt, kein nervöses Blick auf die Tankanzeige. Wer in Berlin lebt oder die Stadt besucht, hat ein Privileg, das viele unterschätzen: Ein dichtes Bahn- und Regionalverkehrsnetz, das binnen einer Stunde in völlig andere Welten führt. Ich bin in den letzten Jahren unzählige Male mit dem RE oder der S-Bahn losgefahren, meistens ohne festen Plan, manchmal mit Rucksack und Thermoskanne, und habe dabei gelernt: Man muss gar nicht weit reisen, um wirklich etwas zu erleben. Dieser Artikel zeigt, wohin man von Berlin aus innerhalb von 100 Kilometern fahren kann, ohne am Ende enttäuscht auf dem Bahnsteig zu stehen und sich zu fragen, warum man sich die Mühe überhaupt gemacht hat.
Warum Zugreisen rund um Berlin einfach Sinn ergeben
Brandenburg ist flach, gut erschlossen und randvoll mit kleinen Städten, die über Jahrhunderte gewachsen sind, ohne dass jemand sie plattgemacht hätte. Viele dieser Orte liegen direkt an einer Regionalbahnlinie, manche sogar an mehreren. Das bedeutet: kein Umstieg in einen Bus, der nur dreimal täglich fährt, sondern ein Bahnhof mitten im Ort, von dem aus man losläuft.
Das Berlin-Brandenburg-Ticket oder das Deutschlandticket machen die Sache zusätzlich unkompliziert. Für einen Tagesausflug zu zweit oder mit der Familie zahlt man oft weniger als für eine Tankfüllung, und man muss sich um nichts kümmern außer darum, pünktlich am Gleis zu stehen. Genau diese Leichtigkeit macht Städtereisen ohne Auto so attraktiv, gerade an Wochenenden, wenn man eigentlich nur raus will, ohne groß zu planen.
Und ganz ehrlich: Vieles von dem, was man in Brandenburg und der näheren Umgebung findet, wird komplett unterschätzt. Wer nur an Sanssouci denkt, wenn er an Ausflüge von Berlin denkt, verpasst mindestens ein Dutzend Orte, die genauso viel zu bieten haben.
Potsdam: Der naheliegende Klassiker, der trotzdem überrascht
Potsdam ist der Ort, an den jeder als Erstes denkt, und das aus gutem Grund. Mit der S-Bahn oder dem Regionalexpress ist man in etwa 25 Minuten vom Hauptbahnhof aus da, und schon steht man vor dem Schloss Sanssogen. Wer aber nur den Park durchläuft und wieder zurückfährt, hat die halbe Stadt verpasst.
Die holländische Vorstadt mit ihren roten Backsteinhäusern fühlt sich an wie eine Kulisse, ist aber real und bewohnt. Von dort läuft man in zehn Minuten zum Neuen Garten, deutlich weniger überfüllt als Sanssouci, mit Blick auf den Jungfernsee und dem Schloss Cecilienhof, wo 1945 das Potsdamer Abkommen unterschrieben wurde. Ich sitze da im Sommer gerne mit einem Kaffee am Ufer und schaue den Ausflugsschiffen zu, die vorbeiziehen.
Wer noch Zeit hat, sollte unbedingt zur Glienicker Brücke laufen, der berühmten Agentenbrücke aus dem Kalten Krieg. Zu Fuß ist das machbar, mit dem Bus geht es noch schneller. Potsdam lässt sich problemlos an einem Tag zu Fuß und mit ein paar Bushaltestellen erkunden, ganz ohne Auto und ohne Stress.
Brandenburg an der Havel: Unterschätzt und viel zu selten besucht
Brandenburg an der Havel gibt der ganzen Region ihren Namen, wird aber von den meisten Berlinern links liegen gelassen. Ein Fehler, wie ich finde. Mit dem RE1 ist man in etwa 40 Minuten dort, mitten in einer Stadt, die auf einer Ansammlung von Inseln in der Havel gebaut wurde.
Die Altstadt und die Neustadt trennt ein Wasserlauf, über den mehrere kleine Brücken führen. Der Dom St. Peter und Paul thront auf einer eigenen Insel und wirkt fast so, als wäre er aus Versehen dort gelandet, weil ihn eigentlich niemand erwartet. Rundherum gibt es enge Gassen, in denen man stundenlang spazieren kann, ohne zweimal den gleichen Weg zu nehmen.
Was mir an Brandenburg an der Havel besonders gefällt: Es ist keine Postkartenstadt, die für Touristen zurechtgemacht wurde. Man merkt, dass hier Menschen leben, einkaufen, ihre Kinder zur Schule bringen. Genau das macht den Ort authentisch und einen Besuch lohnenswert, gerade wenn man von den überfüllten Ecken Berlins die Nase voll hat.
Rheinsberg: Schlösser, Seen und ein Hauch von Fontane
Rheinsberg liegt etwas weiter draußen, aber noch immer gut innerhalb der 100-Kilometer-Marke. Mit dem Regionalexpress bis Neuruppin und einem kurzen Bus- oder Bahnanschluss ist man in gut anderthalb Stunden da. Wer die Zeit investiert, wird mit einem der schönsten Schlösser Brandenburgs belohnt.
Das Schloss Rheinsberg liegt direkt am Grienericksee und diente Friedrich dem Großen als Kronprinzenresidenz, bevor er König wurde. Theodor Fontane hat der Stadt in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ein eigenes Kapitel gewidmet, und wenn man am Ufer steht, versteht man sofort, warum.
Ein Spaziergang um den See, ein Fischbrötchen am kleinen Hafen, dazwischen ein Blick auf die Boote, die gemächlich vorbeiziehen. Rheinsberg ist kein Ort für Hektik, sondern für Leute, die einen ganzen Tag Zeit haben und ihn auch wirklich nutzen wollen, ohne auf die Uhr zu schauen.
Wittenberg: Wo die Reformation begann
Lutherstadt Wittenberg liegt knapp außerhalb der klassischen 100-Kilometer-Zone, aber mit dem ICE oder RE ist man in unter einer Stunde dort, was die Reisezeit angenehmer macht als manch näher gelegenes Ziel. Die Stadt lebt komplett von ihrer Geschichte, ohne dabei künstlich zu wirken.
An der Schlosskirche, wo Martin Luther 1517 angeblich seine 95 Thesen anschlug, kommt man kaum vorbei, ohne stehen zu bleiben. Die Innenstadt mit ihren bunten Fassaden und dem Marktplatz mit den Lutherstatuen lässt sich in wenigen Stunden zu Fuß erkunden.
Was viele nicht wissen: Auch das Wohnhaus von Lucas Cranach dem Älteren steht noch, samt einer Werkstatt, die man besichtigen kann. Wer sich für Geschichte interessiert, sollte hier definitiv mehr als nur einen kurzen Stopp einplanen.
Werder an der Havel: Die Insel der Obstbäume
Werder liegt nur eine halbe Stunde von Berlin entfernt und wird vor allem im Frühling zum Ziel, wenn die Baumblüte die ganze Region in Rosa und Weiß taucht. Der Bahnhof liegt mitten in der Stadt, sodass man ohne Umsteigen direkt losspazieren kann.
Die Altstadtinsel mit ihren schmalen Gassen und Fachwerkhäusern lädt zum Bummeln ein, und wer Lust hat, läuft weiter zum Havelufer, wo im Sommer kleine Boote anlegen und Cafés ihre Stühle raus stellen. Es ist ein Ort für einen entspannten Nachmittag, nicht für ein straffes Besichtigungsprogramm.
Ich war selbst schon mehrmals zum Baumblütenfest dort, und obwohl es dann ziemlich voll wird, lohnt sich der Ausflug. Wer Trubel vermeiden will, fährt einfach an einem gewöhnlichen Wochentag hin und hat die Insel fast für sich allein.
Frankfurt (Oder): Grenzstadt mit doppeltem Gesicht
Frankfurt an der Oder wird oft übersehen, dabei ist die Stadt mit dem RE1 in etwa einer Stunde von Berlin aus erreichbar und bietet etwas, das kaum ein anderer Ort in der Liste hat: einen direkten Blick über die Grenze nach Polen. Von der Oderpromenade sieht man die polnische Nachbarstadt Słubice, mit der Frankfurt historisch eng verbunden ist.
Die Marienkirche mit ihren spätgotischen Glasfenstern wurde im Zweiten Weltkrieg fast zerstört und über Jahrzehnte wieder aufgebaut. Heute steht sie als eindrucksvolles Beispiel dafür, wie viel Geduld in so einer Restaurierung steckt.
Wer mag, läuft über die Stadtbrücke einfach nach Polen hinein, ganz ohne Grenzkontrolle, kauft sich dort einen Kaffee und schlendert zurück. Diese Kombination aus deutscher und polnischer Atmosphäre gibt es sonst nirgendwo in der Region, und genau deshalb lohnt sich der etwas längere Weg.
Kloster Chorin und die Schorfheide: Natur statt Stadtpflaster

Nicht jeder Ausflug muss in eine Stadt führen. Das Kloster Chorin, mit der Regionalbahn in etwa einer Stunde erreichbar, liegt mitten in der Schorfheide und ist eines der schönsten Backsteingebäude der norddeutschen Gotik. Vom Bahnhof aus läuft man etwa 15 Minuten durch den Wald, bevor die Ruine plötzlich zwischen den Bäumen auftaucht.
Rund um das Kloster gibt es mehrere Wanderwege entlang der Seen der Schorfheide, ideal für alle, die zwischen Kultur und Natur wechseln wollen. Im Sommer finden auf dem Klostergelände sogar Konzerte statt, was der ganzen Anlage eine zusätzliche Note gibt.
Dieser Ausflug zeigt gut, dass Spaziergänge nicht immer durch enge Altstadtgassen führen müssen. Manchmal ist der Weg durch den Wald zu einer alten Ruine genauso lohnend wie ein Nachmittag in einer historischen Innenstadt.
Praktische Tipps für stressfreie Ausflüge ohne eigenes Fahrzeug

Ein paar einfache Grundregeln erleichtern jede Reise mit Zug und öffentlichen Verkehrsmitteln erheblich. Wer sich vorher kurz informiert, spart sich unnötige Wartezeiten und unschöne Überraschungen am Bahnhof.
| Ziel | Fahrzeit ab Berlin | Besonders geeignet für |
|---|---|---|
| Potsdam | ca. 25 Minuten | Tagesausflug, Schlösser, Spaziergänge |
| Brandenburg an der Havel | ca. 40 Minuten | Altstadt, ruhige Erkundung |
| Werder (Havel) | ca. 30 Minuten | Kurztrip, Baumblüte im Frühling |
| Frankfurt (Oder) | ca. 60 Minuten | Grenzstadt-Feeling, Geschichte |
| Rheinsberg | ca. 90 Minuten | Schloss, See, entspannter Tag |
| Wittenberg | ca. 50 Minuten | Reformationsgeschichte |
| Kloster Chorin | ca. 60 Minuten | Natur und Wanderungen |
Ein Blick auf die Fahrplan-App am Vorabend zeigt meist schon, ob am Wochenende Bauarbeiten oder Schienenersatzverkehr anstehen. Das erspart böse Überraschungen direkt am Gleis, gerade in Brandenburg, wo Streckenarbeiten keine Seltenheit sind.
- Deutschlandticket oder Länderticket vorher prüfen, oft günstiger als Einzelfahrscheine
- Bequeme Schuhe einpacken, viele der schönsten Ecken erschließen sich nur zu Fuß
- Rückfahrzeiten im Blick behalten, besonders in kleineren Orten mit selteneren Verbindungen
- An Wochentagen reisen, wenn möglich, um Menschenmassen zu vermeiden
Wer sich für weitere Ausflugsziele in ganz Deutschland interessiert, findet auf unserer Seite noch deutlich mehr Inspiration jenseits des Berliner Umlands, von der Küste bis in die Alpen.
Was man bei der Wahl seines Ziels bedenken sollte
Nicht jeder Ort passt zu jeder Stimmung. Wer nach einer anstrengenden Woche einfach nur raus will, sollte einen ruhigen Ort wie Rheinsberg oder Chorin wählen, keinen mit vollem Besichtigungsprogramm wie Potsdam. Wer dagegen Geschichte erleben will, kommt an Wittenberg oder Frankfurt an der Oder kaum vorbei.
Auch die Jahreszeit spielt eine Rolle. Werder lohnt sich vor allem im Frühling, Chorin und die Schorfheide eher im Sommer oder Herbst, wenn die Wanderwege trocken sind. Potsdam und Brandenburg an der Havel funktionieren dagegen fast das ganze Jahr über, weil sie genug Indoor-Alternativen wie Kirchen und Museen bieten, falls das Wetter mal nicht mitspielt.
Am Ende zählt vor allem eines: Man muss nicht jedes Ziel an einem Tag abhaken. Ich fahre inzwischen lieber öfter für kürzere Trips raus, statt einmal im Jahr eine riesige Tour zu planen. So bleibt die Neugier erhalten, und jeder Ausflug fühlt sich wie eine kleine Entdeckung an, nicht wie eine Pflichtaufgabe.
Häufig gestellte Fragen zu autofreien Ausflügen rund um Berlin
Welches Ticket lohnt sich am meisten für Tagesausflüge?
Für die meisten Ziele innerhalb Brandenburgs reicht das Deutschlandticket völlig aus. Wer speziell größere Gruppen mitnimmt, sollte trotzdem die regionalen Tagestickets vergleichen, da diese manchmal für Familien noch günstiger ausfallen.
Braucht man für alle genannten Städte einen ganzen Tag?
Nein, Orte wie Werder oder Brandenburg an der Havel lassen sich auch in einem halben Tag gut erkunden. Für Wittenberg oder Rheinsberg sollte man dagegen eher den ganzen Tag einplanen, allein wegen der längeren Anfahrt.
Sind die Städte auch im Winter einen Besuch wert?
Definitiv, vor allem Potsdam und Brandenburg an der Havel mit ihren Museen und Kirchen bieten im Winter genug Möglichkeiten, sich aufzuwärmen. Rheinsberg und Chorin wirken im Winter sogar besonders idyllisch, allerdings deutlich ruhiger.
Wie zuverlässig sind die Zugverbindungen ins Berliner Umland?
Meistens gut, allerdings kommt es auf einigen Regionalstrecken zu Verspätungen oder Schienenersatzverkehr. Ein kurzer Blick in die Bahn-App am Reisetag erspart unnötigen Ärger am Bahnhof.
Gibt es Ziele, die auch mit Kindern gut machbar sind?
Werder mit seinem Havelufer und Potsdam mit den großen Parkanlagen eignen sich gut für Familien, weil es dort genug Platz zum Toben und wenig Verkehr gibt. Auch Chorin ist familienfreundlich, allerdings sollte man auf bequeme Schuhe für die Wanderwege achten.
Wie kommt man am besten von den Bahnhöfen in die Innenstädte?

In den meisten der genannten Orte liegt der Bahnhof in Laufdistanz zur Altstadt. Nur bei Rheinsberg empfiehlt sich zusätzlich ein kurzer Bus, da die Strecke vom Bahnhof etwas weiter ist.
Lohnt sich die Reise auch bei schlechtem Wetter?
Absolut, gerade Städte mit Kirchen, Museen und Cafés wie Wittenberg oder Frankfurt an der Oder bieten genug Rückzugsorte. Nur bei reinen Naturausflügen wie Chorin sollte man das Wetter vorher im Blick haben.
Wer jetzt Lust bekommen hat, selbst mit dem Zug loszuziehen, findet auf deutschland-stadte.de noch viele weitere Reiseideen, Tipps und Erfahrungsberichte zu Städten in ganz Deutschland. Einfach Fahrplan checken, Rucksack packen und losfahren, der nächste spannende Tag liegt vermutlich näher, als man denkt.