von Leon Fischer
Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen, und ich werde vermutlich auch hier alt. Trotzdem ertappe ich mich regelmäßig dabei, wie ich einen Brief vom Amt öffne und denke: Das kann doch nicht euer Ernst sein. Wir Deutschen gelten international als Meister der Ordnung und Bürokratie – und ehrlich gesagt haben wir uns diesen Ruf redlich verdient. Manchmal allerdings geht die deutsche Gründlichkeit so weit, dass selbst ich, der hier sein ganzes Leben verbracht hat, nur noch verständnislos den Kopf schütteln kann. Hier sind fünf Steuern, die mich bis heute fassungslos machen.
1. Die Regensteuer (Niederschlagswassergebühr)
Ja, richtig gelesen: In Deutschland kann man tatsächlich für Regen bezahlen. Genauer gesagt zahlt man dafür, dass Regenwasser von Dach und versiegelten Flächen des eigenen Grundstücks in die städtische Kanalisation abfließt.
Die Logik dahinter ist nachvollziehbar: Je größer die versiegelte Fläche eines Grundstücks – Dach, Einfahrt, Terrasse –, desto mehr Regenwasser muss die Kanalisation ableiten, und desto teurer wird deren Unterhalt für die Kommune. Bezahlt wird meist von Haus- und Grundstückseigentümern, je nach Region zwischen 0,70 und 1,90 Euro pro Quadratmeter versiegelter Fläche im Jahr.
Viele Nachbarn von mir haben inzwischen angefangen, Regenwassertonnen aufzustellen oder wasserdurchlässige Pflastersteine zu verlegen – nicht aus ökologischem Idealismus, sondern schlicht, um bei der nächsten Gebührenabrechnung besser wegzukommen. Wenn das kein zutiefst deutsches Verhalten ist, weiß ich es auch nicht.

2. Der Rundfunkbeitrag
Früher musste nur zahlen, wer tatsächlich einen Fernseher oder ein Radio besaß. Heute zahlt jeder Haushalt, ganz gleich, ob überhaupt ein Gerät im Haus steht. Die Begründung: Man könnte ja theoretisch öffentlich-rechtliches Programm empfangen, allein durch die Existenz eines Haushalts in Deutschland.
Aktuell sind das 18,36 Euro im Monat, pro Wohnung, unabhängig davon, wie viele Menschen dort leben. Ich kenne Leute, die seit Jahren keinen Fernseher besitzen und trotzdem brav überweisen – weil sich der Ärger mit Mahnungen und Vollstreckung schlicht nicht lohnt.
Für mich bleibt es absurd: Eine Gebühr, die nichts mit tatsächlicher Nutzung zu tun hat, sondern allein mit der Tatsache, dass man existiert und irgendwo gemeldet ist.

3. Die Kirchensteuer
Das hier überrascht selbst gebürtige Deutsche noch. Wer bei der Meldebehörde eine Kirchenzugehörigkeit angegeben hat – katholisch oder evangelisch –, dem werden automatisch 8 bis 9 Prozent der Einkommensteuer als Kirchensteuer abgezogen. Vollkommen egal, ob man jeden Sonntag in die Kirche geht oder seit der eigenen Konfirmation keinen Fuß mehr hineingesetzt hat.
Ich selbst wurde als Kind katholisch getauft und habe erst mit Ende zwanzig gemerkt, wie viel Geld da über die Jahre einfach so vom Gehalt abging. Wer aussteigen will, muss offiziell den Kirchenaustritt erklären – beim Standesamt oder Amtsgericht, und das kostet je nach Bundesland zwischen 30 und 60 Euro Gebühr. Man zahlt also sogar dafür, aufzuhören zu zahlen.
4. Die Hundesteuer
Wer sich einen Hund anschafft, zahlt dem Staat allein dafür, dass das Tier existiert – unabhängig von Größe, Charakter oder Verhalten. Für den ersten Hund werden meist 100 bis 150 Euro im Jahr fällig, für jeden weiteren mehr, und bei Rassen, die als sogenannte Listenhunde gelten, können es schnell 600 Euro und mehr sein.
Jeder Hund braucht zudem eine offizielle Steuermarke am Halsband. Ein Freund von mir hat seine Anmeldung einen Monat zu spät erledigt und prompt ein Bußgeld kassiert. Ich verstehe ja, dass es dabei um Kontrolle und Registrierung geht – aber eine Steuer allein für den Besitz eines Haustiers bleibt für mich einer der skurrilsten Punkte im deutschen Steuersystem.
5. Die Sektsteuer
Mein persönlicher Favorit, weil die Geschichte dahinter so herrlich absurd ist. Die Sondersteuer auf Schaumwein gibt es seit 1902 – eingeführt von Kaiser Wilhelm II., um damit den Ausbau der kaiserlichen Kriegsflotte zu finanzieren. Aktuell liegt sie bei etwa 1,02 Euro pro Flasche mit 0,75 Litern.
Die Flotte, für die diese Steuer gedacht war, existiert längst nicht mehr. Das Kaiserreich ist seit über hundert Jahren Geschichte. Zwei Weltkriege und mehrere Staatsformen später zahlen wir diese Steuer immer noch bei jedem Glas Sekt, das an Silvester geöffnet wird. Wenn das kein Beweis dafür ist, wie zäh sich einmal eingeführte Steuern in Deutschland halten, dann weiß ich es auch nicht.
Warum wir Deutschen das mit uns machen lassen
All diese Steuern haben eines gemeinsam: Sie besteuern sehr konkrete, messbare Tatbestände – versiegelte Fläche, Haustierbesitz, formale Religionszugehörigkeit – statt allgemeiner Sammelabgaben. Aus Sicht der Verwaltung wirkt das ordentlich, nachvollziehbar, gerecht. Aus meiner Sicht als jemand, der das alles sein Leben lang mitträgt, wirkt es manchmal einfach nur wie Bürokratie um der Bürokratie willen.
Vielleicht ist genau das der Kern des Ganzen: Wir Deutschen lieben Systeme so sehr, dass wir irgendwann aufhören zu hinterfragen, ob ein System überhaupt noch Sinn ergibt – solange es nur ordentlich funktioniert. Und so zahlen wir eben weiter für Regen, für Kirchenmitgliedschaften, die längst nur noch auf dem Papier existieren, und für eine Kriegsflotte, die es seit über hundert Jahren nicht mehr gibt.