Ich versuche, auf möglichst alle Zuschriften meiner Leserinnen und Leser zu antworten – manche per kurzer Mail, manche verdienen aber eine ausführlichere Antwort. Zu Letzteren gehört die E-Mail, die mich nach meinem letzten Artikel erreichte, warum Züge in Deutschland so oft zu spät kommen.
Kurz darauf schrieb mir eine Leserin, Elke, aus dem Zug – auf dem Weg von Saargemünd nach Oldenburg, irgendwo hinter Hannover, mit einer knappen halben Stunde Verspätung im Gepäck.
Elke bedankte sich für die Erklärungen zu den Kettenreaktionen, die zu den ständigen Verspätungen führen, beschrieb aber vor allem ihre Verwunderung darüber, wie geduldig Reisende in Deutschland diesen Zustand mittlerweile hinnehmen. Pünktlichkeit, schrieb sie, erwarte hierzulande ohnehin schon niemand mehr.
Kurz zuvor war sie aus Frankreich zurückgekehrt, wo sie mehrere Regionalzüge genutzt hatte. Ihre Beobachtung: ausnahmslos auf die Minute pünktlich. Und ihre Frage an mich: Wie kommt es, dass die Bahn anderswo funktioniert – so wie früher auch in Deutschland –, nur bei uns seit Jahren nicht mehr?
Diese Frage ist zu gut, um sie nur per Mail zu beantworten. Hier also die ausführliche Antwort, Elke – und an alle anderen, denen es ähnlich geht.

Die Zahlen bestätigen das Gefühl
Zunächst: Elkes Eindruck täuscht nicht. 2025 erreichten im Schnitt nur rund 60 Prozent aller Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn pünktlich ihr Ziel. Im Oktober 2025 fiel der Wert sogar auf einen Tiefststand von 51,5 Prozent – also praktisch eine Münzwurf-Chance, ob der Zug pünktlich ankommt.
Zum Vergleich: Im Januar 2022 lag die Pünktlichkeitsquote noch bei fast 81 Prozent. Der Verfall ist also keine Einbildung, sondern in wenigen Jahren klar messbar.
Im europäischen Vergleich schneidet Deutschland besonders schlecht ab. Eine Auswertung von 17,3 Millionen Zugankünften in acht europäischen Ländern kam auf eine durchschnittliche Pünktlichkeitsquote von 80,9 Prozent – und fast die Hälfte aller „Wartejahre“, die Passagiere europaweit auf Bahnsteigen verbrachten, entfiel allein auf Deutschland.
War die Bahn in Deutschland wirklich mal pünktlich?
Ja. Und das ist noch gar nicht so lange her. Der Sprung von rund 81 Prozent Pünktlichkeit im Januar 2022 auf Werte um 50 bis 60 Prozent innerhalb weniger Jahre zeigt: Es handelt sich nicht um ein Naturgesetz, sondern um eine Entwicklung, die sich in kurzer Zeit vollzogen hat – und die sich damit im Prinzip auch wieder umkehren ließe.
Warum es in Frankreich (und anderswo) funktioniert
Elkes Beobachtung zu den französischen Regionalzügen ist kein Zufall. Dahinter stecken mehrere strukturelle Unterschiede:
Getrennte Streckennetze. In Frankreich fahren die Hochgeschwindigkeitszüge (TGV) überwiegend auf eigens dafür gebauten Strecken (LGV), getrennt vom Regional- und Güterverkehr. Ein verspäteter Güterzug reißt dort nicht automatisch den Fahrplan des Personenverkehrs mit.
Kontinuierliche Investitionen. Frankreichs Bahninfrastruktur wurde über Jahrzehnte hinweg konsequenter finanziert und instand gehalten, statt – wie in Deutschland – über Jahre hinweg im Substanzverzehr zu wirtschaften.
Fahrpläne mit Puffer. Wo Fahrzeiten realistisch kalkuliert sind und Zeitpuffer eingeplant werden, kann eine kleine Störung abgefangen werden, bevor sie sich zur Verspätungskette auswächst.
Ein besonders eindrückliches Beispiel liefert die Schweiz mit ihrem „Taktfahrplan“: Dort wird nicht der Fahrplan an die Infrastruktur angepasst, sondern die Infrastruktur konsequent auf den Fahrplan und seine Anschlussknoten hin ausgebaut. Das Ergebnis ist ein System, in dem Pünktlichkeit von Anfang an mitgedacht wird, statt im Nachhinein erhofft zu werden.

Warum es in Deutschland nicht funktioniert
Die Gründe, die die Deutsche Bahn selbst und unabhängige Studien immer wieder nennen, lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen:
1. Marode Infrastruktur. Ein Großteil der Anlagen ist überaltert und überlastet – von alten Stellwerken über den Oberbau bis zu Bahnbrücken. Die Folge sind zahlreiche Langsamfahrstellen, die den Betrieb spürbar ausbremsen.
2. Jahrzehntelanger Investitionsstau. Was jetzt saniert werden muss, wurde über Jahre nicht ausreichend gepflegt. Die Rechnung dafür wird gerade in Form von Dauerbaustellen beglichen.
3. Gleichzeitige Bauintensität. Weil so viel gleichzeitig nachgeholt werden muss, laufen zahlreiche Baumaßnahmen parallel – mit spürbaren Kapazitätseinschränkungen, überlasteten Umleiterstrecken und längeren Fahrzeiten. Besonders kurzfristig angesetzte Bauarbeiten erhöhen die Komplexität zusätzlich.
4. Gemischter Verkehr auf denselben Gleisen. Anders als in Frankreich teilen sich ICE, Regionalzüge und Güterverkehr in Deutschland vielerorts dieselben Strecken. Ein einziger verspäteter Güterzug kann so eine ganze Kette an Folgeverspätungen auslösen – genau jener Mechanismus, den ich in meinem ersten Artikel beschrieben habe.
5. Personal- und Fahrzeugmangel. Zusätzlich fehlt es an Personal und einsatzbereitem Rollmaterial, was Störungen schwerer abfedern lässt.
Hinzu kommen Wetterereignisse, die eine ohnehin fragile Infrastruktur zusätzlich belasten: Der harte Wintereinbruch zu Beginn des Jahres 2026 sorgte bundesweit für einen deutlichen Anstieg an Anlagenstörungen, und auch die Hitzeperiode im Juni 2026 führte zu spürbaren Beeinträchtigungen.
Was die Bahn jetzt versucht
Es tut sich etwas – wenn auch langsam. Mit Maßnahmen wie dem sogenannten „Digitalen Befehl“ versucht die Deutsche Bahn, etablierte Betriebsverfahren zu modernisieren und so Störungen schneller abzufedern. Doch die Zielmarke für 2026 liegt bei bescheidenen 60 Prozent Pünktlichkeit im Fernverkehr – ein Wert, den frühere Jahre als Krise gewertet hätten.
Ein ehrlicher Ausblick
Die unbequeme Wahrheit: Die Sanierung eines jahrzehntelang vernachlässigten Streckennetzes lässt sich nicht über Nacht erledigen. Es ist sogar wahrscheinlich, dass die Lage zunächst noch spürbarer wird, bevor sie sich bessert – schließlich bedeuten mehr Baustellen kurzfristig mehr Einschränkungen. Erst wenn die Substanz des Netzes wiederhergestellt ist, kann sich das auch im Fahrplan zeigen.
Was Ihnen bei Verspätung konkret zusteht
Solange sich an der Infrastruktur nichts ändert, bleibt Reisenden vor allem eines: die eigenen Fahrgastrechte zu kennen und zu nutzen. Die gute Nachricht – die Ansprüche sind EU-weit einheitlich geregelt (EU-Fahrgastrechteverordnung 2021/782) und gelten bei jedem Anbieter gleichermaßen, ob DB, Flixtrain oder ÖBB. Die wichtigsten Eckpunkte im Überblick:
Fahrpreiserstattung nach Verspätung am Zielbahnhof
- Ab 60 Minuten Verspätung: 25 Prozent des Fahrpreises zurück
- Ab 120 Minuten Verspätung: 50 Prozent des Fahrpreises zurück
- Bei Zeitkarten (Monats- oder Jahresabo) gelten stattdessen pauschale Festbeträge – bei Einzelfahrscheinen ab 60 Minuten Verspätung etwa 10 Euro in der 2. und 15 Euro in der 1. Klasse, gedeckelt auf maximal 25 Prozent des Kartenwerts
Wenn die Reise durch die Verspätung sinnlos wird
- Zeichnet sich schon vorab eine Verspätung von mehr als 60 Minuten ab, können Sie auf die Fahrt verzichten und erhalten den vollen Ticketpreis zurück – unabhängig davon, ob Sparpreis oder Super Sparpreis gebucht wurde
Zusatzkosten, die ebenfalls erstattet werden
- Taxi bis 80 Euro, wenn Ihr Zug zwischen 0 und 5 Uhr ankommen soll oder der letzte Zug des Tages ausfällt und Sie dadurch mehr als 60 Minuten später ankommen
- Hotelübernachtung, wenn eine Weiterfahrt erst am nächsten Tag zumutbar ist – erstattet wird der „angemessene“ Betrag, in der Praxis meist auf 3-Sterne-Niveau; einen gesetzlich fixierten Höchstbetrag gibt es nicht
- Mahlzeiten und Erfrischungen bei mindestens 60 Minuten Verspätung im Fernverkehr, sofern vor Ort verfügbar
- Wichtig: Zusatzkosten wie Taxi oder Hotel sollten Sie nach Möglichkeit vorab genehmigen lassen oder zumindest lückenlos mit Belegen dokumentieren – Luxusausgaben werden nicht erstattet
Was Sie beachten sollten
- Entschädigungen unter 4 Euro werden nicht bar ausgezahlt, sondern als Gutschein gutgeschrieben – bei mehreren kleineren Verspätungen lohnt es sich daher, diese gesammelt einzureichen
- Der Antrag ist bis zu 12 Monate nach der Reise möglich, die Bahn selbst bittet aber um eine Einreichung innerhalb der ersten drei Monate
- Keine Entschädigung gibt es, wenn die Verspätung auf „außergewöhnliche Umstände“ zurückzuführen ist, die das Unternehmen nicht zu vertreten hat – etwa schwere Unwetter. In der Praxis zeigen sich die Anbieter hier aber häufig kulant und bieten zumindest Gutscheine an
- Die Bearbeitung dauert meist 1 bis 2 Wochen online über das Kundenkonto (mit automatischer Verspätungserkennung) beziehungsweise 2 bis 4 Wochen bei postalischer Einreichung; am Schalter im Reisezentrum ist teils eine sofortige Bearbeitung möglich
Kurz gesagt: Wer die eigene Verspätung nicht einfach hinnimmt, sondern aktiv den Entschädigungsantrag stellt, holt sich zumindest einen Teil des Ärgers finanziell zurück.
An Elke – und alle anderen Reisenden
Liebe Elke, Ihre Beobachtung war also kein Zufall und keine rosarote Frankreich-Nostalgie: Der Unterschied liegt in jahrzehntelangen strukturellen Entscheidungen – bei der Trennung der Streckennetze, bei der Kontinuität der Investitionen und bei der Philosophie, mit der Fahrpläne überhaupt erst gebaut werden.
Bis sich das in Deutschland grundlegend ändert, bleibt nur, Zeitpuffer bei Anschlüssen realistisch einzuplanen – und im Fall einer Verspätung konsequent von den oben beschriebenen Rechten Gebrauch zu machen.
Danke für die Frage, Elke – und gute Weiterfahrt nach Oldenburg.